2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Mathias Tretter fordert „rocken statt zu bloggen“
12/2011
Mark Zuckerberg und Dustin Moskovitz, zwei US-amerikanische Computer-Cracks sind mit jeweils 27 Jahren die beiden jüngsten Selfmade-Milliardäre der erde; gemacht haben sie ihr Vermögen, das bei Zuckerberg auf mehr als 17 Milliarden Euro geschätzt wird, mit einer simplen Idee: Einem Poesiealbum für alle – „Facebook“. Das sich dieses in ein generationenübergreifendes Lebensgefühl einfügt, ist sicher nur ein Teil des Erfolgs – und des Fluchs zugleich.

„Ich will nicht Dein Freund sein“, höhnt gegen den seit letzten Monat auf 800 Millionen User angewachsenen Daten-Wahnsinn der in Würzburg geborene, unter anderem in Heidelberg studierte, inzwischen in Leipzig lebende Kabarettist Mathias Tretter in seinem neusten Programm, mit dem der Enddreißiger Ende Oktober im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ ganz groß abrechnete: Mit all den Computer-Nerds, mit der Politik, mit den Griechen und arabischen Revolutionären.

Mit der simplen Feststellung „Man hat heute Freunde – und Leute, die man mag“ steigt der in seiner Performance immer etwas hölzern wirkende Tretter in eine hochgeistige Debatte mit sich und seinem „Assozialen-

Netzwerk“ (vulgo: Stammtisch), seinem stets zugekifften Mitbewohner Ansgar und dem durchgeknallten Trendsetter Rico ein, die trotz einiger Längen derart Fahrt aufnimmt, dass nicht nur der hochdekorierte Shooting-Star, den man inzwischen regelmäßig auch im Fernsehen und Radio erleben kann, ins Schwitzen gerät. Unverblümt haut er auf eine Gesellschaft, in der ein „erster Computer mit 13“ (früher eine Sensation) ist, wie „eine Defloration unter dem eigenen Grabschmuck“. Dabei versteht er sich auf die großen Bögen, ein gut bekannter aber immer wieder höchst erfolgreicher Kunstgriff im echten Kabarett, dem er sich in völliger Ablehnung der platten Comedy verschrieben hat. Und er beweist ein ums andere Mal höchste Intelligenz und ein geniales Verständnis von zusammenhängen und Pointenmöglichkeiten. Die Kanzlerin suchte bei ihrem Vier-Augen-Gespräch mit dem Papst, „Tipps, wie man mit kleinen Jungs umgeht – Rösler, Lindner, Bahr“, sein Alter Ego Ansgar beweist als „Joghurt- und Schimmelkäseesser, dass in einer Wohnung mehrere Kulturen friedlich zusammenleben können“ und er zeichnet das Bild einer „Matriarchalischen Erbtheokratie – sowas wie Tibet, nur mit Alice Schwarzer als Lama“. Grandios sind seine unerwarteten und doch sehr erhofften Wendungen. So bekommen – irgendwo zwischen „Adorno-Prono“ („Philosophiestudenten mit einer obszönen Anzahl an Semestern“) und „Hoden-Esperanto“ („International verständliche Grunzlaute der Männer“) auch die Griechen immer wieder, dabei aber auf besonders schlitzohrige Weise ihr Fett weg; ihnen rät der Ex-Nerd zum Standardmittel beim Bankkrott: „Man macht Insolvenz und unter anderem Namen weiter. DDR wäre wieder frei. ‚Auferstadnen aus Ruinen‘, das würde doch passen“.

Ohne Frage aber absolute Höchstform zeigt Tretter beim Haudrauf auf die Regierungsklasse. „Dem Volk sind politische Themen wurscht – und der Politiker denkt: Da muss ich meinen Senf dazugeben“. So wettert er gegen die „Rechts-Altzheimerfraktion Geißler und Töpfer“, gegen den promovierten Kardiologen Phillip Rösler, der jetzt „die Partei der Herzlosen heilen soll“ und gegen die Grünen, die meinen, sie seien das „iPhone des Parlamentarismus – gegen die ist die FDP ein Taschenrechner“.


Auch, wenn man als Kulturkritiker nach Tretters Worten „im Reich der Bedeutungslosigkeit auch noch an zweiter Stelle“ steht, kann nach einem Abend wie diesem nur die zentrale Parole weitergetragen werden: „Rocken statt zu bloggen, litern statt zu twittern, und f…en statt zu klicken“!