2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
„Tannahill Weavers“ lassen schwelgen
12/2011
"Folkmusik" gehört zu den vielen schillernden, nicht definierbaren Begriffen in der Musikwissenschaft. Irgendwo zwischen traditionellem Volkslied und moderner Popularmusik findet sich bei fast jedem Künstler etwas „Folkhaftes“. Nur wenige aber können von sich behaupten, nicht nur mitzumachen, sondern auch stilbildend voranzugehen.

Eine Truppe, die das mit Fug und Recht für sich reklamiert, ist die vierköpfige Formation „Tannahill Weavers“, die Ende Oktober im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ gastierte. Seit mehr als 40 Jahren zelebrieren die Jungs aus Paisley – zugegebenermaßen in ständig wechselnden Besetzungen, dafür aber immer neu gefeiert und geehrt – eine ganz eigene Art traditioneller schottischer Musik: Sie arbeiten das mystisch Verbrämte aus Schottlands Norden auf eine genial liebevolle Art in die bisweilen polternde, immer aber höchst menschliche Klangwelt ihrer Heimat, der Lowlands, ein. Das ergibt einen druckvollen, mitreißenden Sound, der Ursprünglichkeit atmet, ohne dabei auf eine Weiterentwicklung zu verzichten. So waren sie es, die gleichsam Musikgeschichte schrieben, als sie erstmals Highland Bagpipes, las „Dudelsack“ bis dahin nur als Soloinstrument bekannt, integrierten – heute aus dem schottischen Folk kaum noch wegzudenken. Gänsehautgarantie aber beansprucht vor allem ihr mehrstimmiger Gesang, der ohne Zwischenhalt und Umweg direkt unter die Haut geht.

Bisweilen etwas zu dominant, immer aber höchst prominent die klagenden, pulsierenden Pipes Colin Melvilles, der als Youngster der Gruppe doch schon vielbeachtete eigene Projekte vorweisen kann, eingefangen von den fordernden, treibenden Fiddle-Läufen John Martins, zwischen die sich die beiden Gründungsmitglieder der „Tannahill Weavers“ passgenau einfügten: Phantasievoll und zärtlich, aufrührerisch und provokant zugleich die Tin Whistle und Querflöte des „seinerzeit“ mit 16 Jahren bei den Tannies eingestiegenen Phil Smillie, der heute viel vom Stil der Schotten prägt, grundsolide und manchmal auch solistisch prägnant die Gitarre und vor allem der urtümliche, viel zur atmosphärischen Dichte und Echtheit beitragende Gesang Roy Gullanes.

In Hockenheim servierten die „Tannahill Weavers“ eine gelungene Mischung aus enthusiastischer Tanzmusik, wortreichen, wehmütig schweren Balladen und augenzwinkernden Musik-Possen.


Von „Farewell to Glasgow“ über Jiggs, denen die größte Ehre in Schottland – für Bierwerbung benutzt zu werden – zuteil wurde, bis hin zu rassigen Mitmach-Lieder im Stile der „Gypsy Laddie“, dazwischen der liebevoll-sanfte Sound zu Tannahills Gedicht „Gloomy Winters Noo Awa“ oder die filigran instrumentierten „Ploooy Laddies“: Ein wundervoller, allenfalls etwas kurzer Musikabend, der noch lange schwelgen lässt.