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Erschienen
Stadtkapelle Hockenheim setzt neue musikalische Maßstäbe
12/2011
Ein ereignisreiches Jahr schloss Mitte November der Orchesterverein „Stadtkapelle“ in der Hockenheimer Stadthalle ab: Nach dem Jugendkonzert, dem Diplomkonzert des Orchesterleiters Dominik M. Koch und dem traditionellen Sommerkonzert auf der Seebühne fuhren die insgesamt 130 Musiker der verschiedenen Orchester vor vollem Haus noch einmal ein musikalisches Spektakel ab, das seinesgleichen suchen kann – ein höchst anspruchsvolles Programm und das in absolut uneingeschränkter Perfektion gespielt, da wird kaum ein Orchester dieser Machart mithalten können.

Damit fingen schon die Nachwuchsmusiker des Jugendblasorchesters an. Dessen Leiterin Kristin Zimmermann hat ihre mehr als dreißig jungen Künstler noch einmal zu gehörigen Steigerungen motiviert – ein Unterfangen, das, wenn man die Bestleistungen der letzten Jahre betrachtet, eigentlich unmöglich schien und das vor allem die künstlerisch-didaktische Weiterentwicklung auch von Kristin Zimmermann unterstreicht. Mit einer bemerkenswerten Präzision gab sie mit ihren Bläsern die „Trails of Glory“ des amerikanischen Komponisten James Swearingen, eine in Tönen gefasste Planwagenfahrt durch den Westen inklusive Indianerüberfall und Banditenabwehr; ein geschmeidiger Opener, bei dem vor allem das hohe Blech und die ausgefeilten Percussions glänzen konnten. Ein erstes Konzert für die ganz Kleinen gab dann den ungekrönten echten Höhepunkt des Konzerts: Zusammen mit dem Mini- und dem Juniorenorchester konnte Zimmermann auf 70 Instrumentalisten aufrüsten und setzte mit einer Interpretation von Shore—Highlights aus „Lord oft he Rings“ ohne jede Übertreibung neue musikalische Maßstäbe (bezaubernde Soli von Marie-Christin Flad, Klarinette, und Sarah Jakob und Perina Rosenberger, Querflöte). Die vielschichtige, eng verschachtelte Motivik, die gerade für ein junges, noch nicht ganz ausdifferenziertes Gehör mehr als nur eine Herausforderung ist, lebten die jungen Talente in einer reifen, sehr festen Variante ohne Ausfälle und ohne Wackeln geradezu aus – mit berührendem Ernst und einer fesselnden Spielfreude. Der einzige Wermutstropfen war, dass der Auftritt der Youngsters leider viel zu kurz war für den Genuss, den sie dem sichtlich beeindruckten Publikum bereiteten. Ein besserer Beweis für die gelungene Jugendarbeit der Stadtkapelle als dieser Musik-Zauber wird wohl so schnell nicht gefunden werden.

Die rund 50 „Großen“ des Sinfonischen Blasorchesters mussten sich allerdings ebenfalls nicht lumpen lassen. Auch hier konnte der langjährige Beobachter der künstlerischen Entwicklung dieses Klangkörpers neue Höhen konstatieren: Die Musiker unter dem auch ästhetisch schönen Dirigat des frischdiplomierten Dominik M. Koch, dem sein Diplom-Vater Prof. Maurice Hamers am Rande der traumbenoteten Prüfung prophezeite, er werde „sicherlich einer der bedeutendsten Dirigenten für Blasmusik in Deutschland werden“, absolvierten nicht nur ihren halsbrecherischen Einstieg mit Schostakowitschs „Folk Dances“ mit Bravour, sie gaben danach auch einen so schweren, zeitgenössischen Programmteil, dass man inzwischen befürchten muss, dass bei weiterer Steigerung das Publikum der Qualität auf der Bühne nicht mehr gewachsen sein dürfte. Die 1990 entstandene Auftragskomposition „Of Sailors and Whales“ des US-amerikanischen Komponisten Francis McBeth setzt mit einer eigentümlichen, dabei aber kristallklaren Musiksprache den 1851 erschienenen Roman „Moby-Dick; or, The Whale“ des englischen Autors Herman Melville um. Das Orchester ließ dabei die programmmusikalischen Charakterstudien der einzelnen Protagonisten in einer Farbenpracht erstrahlen, die sprachlos macht: Der sanft-spährische Einstieg, die hart kontrastierte wuselige Wildheit des Polynesiers Queequeg, der vom Chor in spirituellem Gesang umrahme „Father Mapple“, der Wansinn des Ahab und schließlich die zerstörerische, unbändige Kraft des Wals – alles auf nur fünfzig Instrumenten. Das erfordert höchste Konzentration, Ausdauer, ein geniales musikalisches Gespür, hohe technische Präzision, dynamisches Feingefühl, interpretatorische Geistesgegenwart und musik-empathische Kraft. All das ist bei diesem Orchester schon seit Jahren vorhanden, aber noch nie in einer derart mutigen und ungetrübten Weise vorgeführt worden.

Dagegen wirkten beispielsweise ein von Marcel Peeters arrangierter Streifzug durch die Filmmusiken Charly Chaplins oder Sahashis Potpourri mit Titeln der „Animals“ – obschon in ebenso perfekter Weise gespielt - eher wie Lockerungsübungen zum Aufwärmen.


Die Stadtkapelle und ihre Orchester ist mit diesem Konzert einmal mehr über sich hinausgewachsen und es scheint: The sky ist he limit.