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Erschienen
Eröffnung der Ausstellung "Beuys in Bildern" in Schwetzingen
04/98
Wenn die Kunst ruft, eilt das sich elitär glaubende Volk. Besonders dann, wenn der "künstlerische Landesvater" von Trotha ruft. Doch schon im Vorfeld durch die nicht gerade professionell gemachte Einladung (vor solchen Schreibfehlern bewahrt mich unser hochbegabter Chefredakteur mhw, und vor solch schlechten Scans mein 150-Mark-Scanner) gewarnt, ahnte ich nichts Gutes.

Schon vor den Reden von Gesprächen zu meiner Linken wie "... der Schwarze da vorne ist ein Afrikaner, das sieht doch jeder daß der Schwarze ein Afrikaner ist", also Zeugnissen zeitloser Wahrheit, gewarnt, begann ich den Wortbeiträgen zu lauschen. Den Anfang machte eine dreißigminütige Rechtfertig der Unsummen, die jährlich für das Schwetzinger Schloß ausgegeben werden. Danach kam ein fast kumpelhaft wirkender Minister zu Wort, der in freundlicher und routinierter Art und Weise mit Zitaten und philosopischen Thesen nur so um sich warf, wobei er, einem gallopierenden Rennpferd gleich, das Zeitlimit einzuhalten versuchte. Er schaffte es - und mich -, denn den Inhalt der Rede in dieser Geschwindigkeit zu erfassen, wäre eine Kunst für sich gewesen. Die bestimmt wirklich interessanten Ausführungen van der Grintens, Direktor der Stiftung Museum Schloß Moyland und Besitzer der ausgestellten Fotos, wurden leider durch die liturgische Vortragsweise fast vollkommen unzugänglich. Zu guter Letzt freute sich der OBürgermeister der Stadt Schwetzingen über den schönen Himmel und über die Anwesenheit des Ministers - beides Fakten außerhalb seines Einflußbereiches. Es war ein Genuß, wie diese zwei Tatsachen so kurzweilig über zehn Minuten hinaus gestreckt werden konnten.

Doch nun zum Eigentlichen: Als das letzte Wort verklungen war, öffneten sich die Pforten der Ausstellung. Ein Heer von be-Kleid-eten und be-Schlips-ten Jägern und Sammlern eroberte in Windeseile die Schatzkammer. Die ersten Erfolgreichen konnten schon kaum eine Viertelstunde später mit kleinen Häppchen gesättigt und mit erbeuteten Postkarten und Postern beladen den Weg nach Hause antreten.



Doch diese Vernissage hatte ihre Höhepunkte, und jetzt bitte ich den latenten Zynismus des bislang Gelesenen zu vergessen.

Die Damen und Herren der Bewirtung der Veranstaltung erkannten die ausgemergelte Gestalt unseres Chefredakteurs mhw und bewirteten uns in überaus freundlicher Weise. Die Wärme und Freundlichkeit werden mir in Erinnerung bleiben. Obwohl Herr von Trotha es deutlich werden ließ, daß er die Anwesenheit des "gewöhnlichen Volkes", hier vertreten durch die anwesenden Mitglieder der Parnass-Redaktion, bei der Führung durch die Ausstellung nicht wünschte, konnten wir einer darauf folgenden zweiten Erklärung der Exponate lauschen. Und das war wirklich eine positive Erfahrung. Durch die hintergründigen Erklärungen wurde den Bildern Leben eingehaucht. Plötzlich wurden aus Grauschattierungen auf Fotopapier Geschichten. Da erzählten drei kleine Bilder von den Anfängen des Werkes von Beuys: Zuerst nur von zwei Bauernsöhnen gefördert, fand eine der zehn bedeutendsten Ausstellungen der modernen Kunstgeschichte in einem norddeutschen Kuhstall statt. Auch nahm der Ausnahme-Künstler Beuys mit einem Themenwagen an einem Umzug in dieser Kleinstadt teil. Und das ist nur eine Geschichte von vielen, die uns durch die Fotos und den Erzähler nahegebracht wurde. Vielen Dank dafür. Für die, die einen der Ausstellungsmacher zu solch einer Führung bewegen können - und das machen die Herren gerne, wenn sie anwesend sind - wird "Beuys in Bildern - fotografische Lebensstationen" eine beeindruckende Reise in das Leben des umstrittenen und einzigen Großen der Künstlerlandschaft im Nachkriegsdeutschland. Für den Rest bleiben die Fotos was sie nackt sind: Stumme, teilweise schlecht gemachte Zeugen des Lebens eines Künstlers.

(td )

 

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Erschienen: 04/98