2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Rafael Arozarena
Erschienen
Mararía
05/2000
Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch-Gladbach
288 Seiten / DM 32,-
Ein Fremder verirrt sich in das staubige kleine Dorf Femés auf der Insel Lanzarote.
Hier wohnen nur noch alte Männer, Frauen und kleine Kinder, weil die Jungen nichts hält.
Das Leben geht dort seinen gemächlichen Gang, die Vergangenheit scheint gegenwärtiger zu sein als das Heute.

Schon bald fällt dem Fremden die schwarzverhüllte Gestalt der alten Mararía auf, die scheu und dennoch aufrecht durch die Gassen eilt, von den Hunden verbellt, von den Kindern als Hexe verschrien.
Jeder der alten Dorfbewohner scheint in das Schicksal der sonderbaren Frau verwickelt zu sein, jeder trägt eine Erinnerung an sie wie eine schwere Bürde mit sich.

Langsam und bruchstückhaft enthüllt sich dem jungen Reisenden die Geschichte Mararías, die einst das schönste Mädchen der ganzen Insel war. Ein wenig hochmütig wies sie all die glühenden Verehrer aus dem Dorf ab und wurde Anlass blutiger Auseinandersetzungen, der Eifersucht und des Hasses.

Ein durchreisender Matrose konnte ihr Herz erobern, doch floh er vor den Konsequenzen dieser Liebe, nicht wissend, dass er Vater eines Sohnes werden würde. Ein zweiter Fremder wurde von der Schwangeren als Ehemann auserwählt, doch auch er ließ sie im Stich - so schien es jedenfalls.
Denn damals gipfelte die brennende Eifersucht alle Männer des Dorfes in einem Mord. Sie alle wurden alle ihr gegenüber schuldig - doch das war nur der Anfang.

Ihr hartnäckigster und erfolgreichster Verehrer aus dem Dorf sah sich am Ziel aller seiner Träume, als sie begann, ihm zu vertrauen.
Ihre heimlichen Treffen nahmen zu, sie gab der Beziehung eine Zukunft. Doch dann zögerte er des Geldes wegen und verriet sie für eine hässliche aber reiche Gutserbin.

Mararía zog sich völlig zurück, kümmerte sich nur noch um ihren kleinen Sohn Jesusito. Durch einen tragischen Unfall verlor die junge Frau auch ihn. Ihr einst so aussichtsreiches und stolzes Leben lag ihn Scherben. Die Dorfbewohner mieden sie, früher aus Eifersucht und Ehrfurcht, nun aus Angst vor so viel Unglück. Bis zu ihrem Tod wird das Schicksal der ehemals so verführerischen jungen Frau von Unglück und Verrat gezeichnet.


Die Männer stellen Besitzansprüche und können sich ihrem Zauber nicht entziehen, doch im entscheidenden Augenblick verlässt sie alle der Mut.
Mararía wird kein Raum gelassen, ihr Leben selbst zu bestimmen, alle Versuche enden tragisch. Sie wählt die Einsamkeit nicht, die Einsamkeit wählt sie.

Wie um ihre Schuld wieder gut zu machen und ihr Gewissen zu erleichtern, erzählen die Männer, die ihr Leben mitbestimmt haben, ihre Version der Geschichte. Mararía selbst kommt nicht zu Wort, und dennoch können wir an Hand der verschiedenen Bruchstücke ihr Leben ungefähr rekonstruieren, können erahnen, was diese Anhäufung von Schicksalsschlägen für sie bedeutet haben muss. Ihre begehrenswerte Schönheit wird ihr zum Fluch, durch sie findet sie keine Ruhe.

Der Autor bettet die eigentliche Geschichte - Mararías Leben - in die Beschreibung des dörflichen Lebens auf Lanzarote ein. Dabei spielen die verschiedenen Personen eine entscheidende Rolle. Sie gewinnen durch ihre charakteristische Darstellung und ihre jeweilige Erzählung an Leben. In ihren Erinnerungen verknüpfen sie ihr eigenes Schicksal mit dem der schönen Frau. Der Faden Mararías Lebensgeschichte wird nicht kontinuierlich weitergesponnen, sondern verlangt vom Leser eine gewisse Kombinationsgabe und ein Interesse daran, die leeren Stellen selbst auszufüllen.

Die anfangs sehr geheimnisvolle Gestalt der schwarzgewandeten und völlig verhüllten Frau gewinnt langsam an Kontur. Rafael Arozarena erzählt die Geschichte Mararías meisterhaft knapp und dennoch auf eine eindringliche, poetische Weise. Auch der Leser sieht sich von ihren durchdringenden Augen verfolgt, fühlt sich an seine eigenen Fehler und Unvollkommenheiten erinnert. Mararías Schicksal wurde von den menschlichen Schwächen anderer bestimmt, die auch unsere eigenen sind.

Der mehrfach preisgekrönte Roman ist auf jeden Fall lesenswert, sprachlich ansprechend und von den Figuren her faszinierend.