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Luc Bürgin
Erschienen
Irrtümer der Wissenschaft
05/2000
Verkannte Genies, Erfinderpech und kapitale Fehlurteile
"Und sie hatten doch recht&qu
Bastei-Verlag Gustav Lübbe GmbH, Bergisch-Gladbach

240 Seiten / DM 14,90

 

Wer meint, die Weiterentwicklung der Wissenschaft sei immer stetig und geradlinig vorangeschritten, der irrt.

Wie geht man mit Forschungsergebnissen um, die die bisherigen Theorien in Frage stellen? Selbst wenn sie gut belegt sind, ist es einfacher, die althergebrachte traditionelle Lehrmeinung zu verteidigen, als sich auf Neuland zu wagen und noch einmal von Vorne zu beginnen.

Ob in der Medizin, der Physik, der Geologie, der Astronomie, der Biologie oder der Archäologie, überall gab und gibt es Forscher und Wissenschaftler, die ihrer Zeit voraus waren und sind. Und die haben es unendlich schwer, ihren Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen.

Denn fast immer und überall bläst ihnen ein kalter Wind entgegen. Ihre Ergebnisse werden nicht publiziert, und wenn, dann ernten sie nur Hohn und Spott. Die Meinung der Mehrheit gilt, die seit Jahren gelehrten Erkenntnisse werden verteidigt, auch wenn es die falschen sind.

Verbittert stellte der inzwischen als herausragender Physiker bekannte Max Planck fest, dass sich eine neue wissenschaftliche Wahrheit normalerweise "nicht in der Weise durchzusetzen pflegt, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht wird".

Dabei bezieht er sich wohl auch auf Fälle wie den des österreichischen Physikers und Mathematikers Ludwig Boltzmann, der sich zweiundsechzigjährig entmutigt das Leben nahm, weil seine Ansichten und Entdeckungen auf erbitterten Widerstand stießen. Heute hat sich sowohl die von ihm vertretene Atomtheorie bestätigt, als auch das unumkehrbare Anwachsen des molekularen Chaos.

1865 starb der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis in einer psychiatrischen Anstalt. Er hatte erkannt, dass die damals hohe Sterberate durch Kindbettfieber mit Hilfe einfacher Hygienemaßnahmen zu verringern gewesen wäre. Der erste Verfechter der Antisepsis stieß allerdings auf erbitterten Widerstand, da die anderen Ärzte sich nicht sagen lassen wollten, sie selbst seien die Verbreiter der tödlichen Krankheit. Es ist wohl nicht mehr eindeutig zu klären, unter welchen Umständen Semmelweis Zwangseinlieferung in die Psychiatrie geschah, es hält sich allerdings hartnäckig der Vorwurf, der unbequeme Ankläger sei Opfer eines Komplotts geworden und keineswegs verrückt gewesen.

Nicht alle Genies werden gleich für psychisch krank erklärt, aber die hier beschriebenen Fälle sind keine Ausnahmen. Luc Bürgin zeigt, dass in den unterschiedlichsten Fachrichtungen Ignoranz und Starrköpfigkeit herrschten. Das bedrückendste aber ist, dass sich daran noch immer noch nicht allzu viel geändert zu haben scheint. Auch aus der jüngsten Vergangenheit weiß der Autor von Fällen zu berichten, nicht zuletzt vom umweltfreundlichen Heizkessel Richard Vetters. Der wurde jahrelang von den Behörden als ineffizient bezeichnet - um das zu belegen, schreckte man nicht einmal davor zurück, Messwerte zu fälschen. Im Anhang sind mehrere Originaldokumente abgedruckt, darunter ein Brief an die Stiftung Warentest, die jahrelang auf ihren falschen Messwerten beharrte. Inzwischen wurde durch ein Gutachten eindeutig die Vorzüge des vetterschen Heizkessels festgestellt.

Gar nicht langweilig oder theoretisch führt der Autor uns durch verschiedene Forschungsergebnisse der unterschiedlichsten Jahrhunderte, zeigt die immer neuen Schwierigkeiten. Er berichtet über die Entwicklung der Dampfmaschine, des Autos, der ersten Flugapparate. Er beleuchtet den Streitfall Perpetuum Mobile, die Genforschung und die frühere Verleugnung von Meteoriten. Und er kommt immer wieder zu der Frage zurück, was man im Forschungsbetrieb verbessern müsste.

Luc Bürgin gelingt es, Interesse für Wissenschaft und Forschung zu wecken, den üblichen Ablauf kritisch zu hinterfragen und eine spannende Sammlung der verschiedensten Fehlschläge und zu Unrecht verlachten Erkenntnisse zu präsentieren.