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Arto Paasilinna
Erschienen
Die Giftköchin
05/2000
Ehrenwirt Verlag GmbH, Bergisch-Gladbach
209 Seiten / DM 29,80
Linnea Ravaska ist eine nette alte Dame, die ihren Lebensabend eigentlich in aller Ruhe und Überschaubarkeit genießen könnte, wäre da nicht - ja wäre da nicht dieser unbeschreiblich unverschämte, ungehobelte, unverfrorene Kleinkriminelle Kauko - leider ihr leibhaftiger Neffe ...

Nicht genug, dass die kinderlose Frau dem Waisenknaben beistand, nachdem seine Eltern gestorben waren, später rettete sie den Halbwüchsigen durch großzügige Schadenersatzzahlungen vor ein paar Jahren hinter Gittern. Der junge Mann dankt es ihr, indem er zehn Jahre später immer noch regelmäßig jeden Monat auftaucht, um sie um ihre Rente zu erleichtern.
Das ungleiche Paar ist sich nur in einem Punkt einig: Es ist eine Schande, wie wenig eine Offizierswitwe heutzutage in Finnland an Rente bekommt!

Aber eines schönen Tages nimmt Kauko mit seinen zwei Kumpeln die Gastfreundschaft Linneas bei seinem üblichen "Verwandschaftsbesuch" so gründlich in Anspruch, dass sie sich gezwungen sieht, die Polizei zu rufen. Verbrecher durch den Wald zu hetzen gehört allerdings nicht zur erklärten Lieblingsbeschäftigung der Dorfpolizisten, also begnügen sie sich damit, ein paar Stunden vor dem verwüsteten Häuschen zu warten und die Reste des letzten Gelages der drei Freunde zu kosten.


Als die vor Empörung über diese unglaublich undankbare Behandlung fast platzende Bande sich abends wieder aus dem Wald wagt, schwört sie Rache.
Zu ihrem Glück hat Linnea den Glauben an das Gute in ihrem Neffen endgültig verloren und sich zu ihrem alten Freund und Geliebten Jaakko geflüchtet - so muss diesmal nur ihre Katze daran glauben.

Aber von nun an planen Kauko und seine zwei ebenfalls so unhöflich behandelten Saufkumpane, auf direktem Weg an Linneas ganzen Besitz zu kommen - denn die drei lassen sich schließlich nicht vormachen, dass die alte Schachtel nicht irgendwo etwas beiseite geschafft hat.

Die alte Schachtel unterdessen überlegt, wie sie sich wirksam schützen kann, und braut sich ihr ganz eigenes tödliches Gift aus allen ihr bekannten und erhältlichen schädlichen Substanzen zusammen. Nur für sich selbst bestimmt, versteht sich, um sich im Falle einer Gefangennahme der widerlichen Behandlung ihres Neffens elegant entziehen zu können.

Nachdem sie das Gebräu an ihrem Freund und mehreren Tauben auf seine Wirksamkeit getestet hat - der Freund zumindest überlebt - fühlt sich Linnea besser. Das Rezept wirkt ganz offensichtlich.

Mit dem Gift scheint Linnea auch ihr altes Selbstbewusstsein zurückerlangt zu haben. Und eine ganz gehörige Portion Glück noch dazu. Denn es ist gar nicht nötig, dass sie sich schon von dieser Welt verabschiedet. Ein paar kleine Morde nebenbei - ganz sauber, elegant und damenhaft - sorgen dafür, dass sie die Zeit bis zur Hölle so richtig genießen kann.

Es ist äußerst amüsant, wie die zarte alte Dame, die ihrem drohenden Schicksal so hilflos ausgeliefert zu sein scheint, durch aberwitzige Zufälle immer wieder die Oberhand gewinnt. Sie schmiedet keine Pläne und tappt ahnungslos und gutgläubig in jede Falle, aber sie ist es, die zuletzt lacht. Mit Giftspritze und Muff bewaffnet spaziert sie durch die Straßen und ist so völlig unantastbar, dass nur ein paar vom Alkohol völlig umnebelte Gestalten das übersehen können.

Paasilinnas treffsichere Beschreibungen und sein hintergründiger Humor lassen diesen Roman mit seiner wenig spektakulären Heldin zu etwas Besonderem werden. Die Handlung schwankt zwischen Banalität und Absurdität, die Morde geschehen eher zufällig, die Charaktere laden dank ihrer gnadenlosen Schilderung kaum zur Identifikation ein. Es wird nichts beschönigt, kein falsches Mitleid geweckt. Hier muss eine alte Frau zu nicht ganz legalen Mitteln greifen, um sich selbst zu schützen. Es geht schon auch mal ein Schuss daneben - wo kämen wir da hin, wenn eine Lady sich absichtlich die Finger schmutzig machen würde.

Natürlich muss auch hier für das Happy-End gesorgt werden - aber dennoch ist dieses Buch trotz all seiner Klischees erfrischend anders.