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Helmut Kohl
Erschienen
Mein Tagebuch 1998-2000
01/2001
Verlagsgruppe Droemer Weltbild, München
360 Seiten / € 22,90
Selten hat ein Buch einen dermaßen großen Wirbel verursacht wie die Aufzeichnungen von Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, das bereits lange vor seiner Veröffentlichung am 24. November 2000 die unterschiedlichsten Reaktionen hervorgerufen hat.
Das Medienecho nach der Publikation war beeinflusst von den unzähligen Berichten, die zuvor im Zusammenhang mit der CDU-Parteispendenaffäre erschienen waren - nur wenige der großen Zeitungen und Fernsehsender konnten sich einen Weg zurück in eine objektive und unvoreingenommene Betrachtung bahnen: Für die meisten ist und bleibt Helmut Kohl der "Bimbes-Kanzler".
Ein Beweis mag der Rummel um das "Windbeutel-Attentat", bei dem Kohl am 01. Dezember 2000 mit einem Sahnekuchen beworfen wurde, sein: Größte Häme prägte die Artikel und Filme darüber.

Die Parnass-Redaktion hat sich entschlossen, mit objektiver Haltung an das Buch heranzutreten; wir sind der Überzeugung, dass man ein Buch, das 240000 Exemplare Startauflage erreicht, nicht einfach totschweigen oder mit einigen Vorurteilen abtun kann.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass Kohl im Zusammenhang mit geflossenen Spenden schwerwiegende Fehler gemacht hat - aber wie jedem anderen sollte auch ihm das Recht zugebilligt werden, nach verbüßter Strafe wieder ein freies Leben zu führen; auf diesem Grundsatz ruht unsere staatliche Rechtsordnung. Kohl hat die Strafe für die empfangenen nicht deklarierten Spenden an die CDU zurückgezahlt, damit muss dieses Kapitel ein Ende finden.
Und die zugrundeliegenden Vergehen dürfen nicht den Blick darauf trüben, was Kohl, der in aller Welt unumstritten zum bedeutendsten Staatsmann der vergangenen Jahrzehnte erklärt wird, in seinem Buch zu sagen hat.

In Form eines Tagebuchs schreibt Helmut Kohl über den Zeitabschnitt zwischen dem Ende seiner Kanzlerschaft im Herbst 1998 bis zum 10. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2000. Im Vorwort nennt der Alt-Bundeskanzler das Motiv, sein Tagebuch zu veröffentlichen. Demnach möchte sich der Autor gegen die im Zuge der CDU-Parteispendenaffäre initiierte "beispiellose Kampagne, die alle Grenze einer fairen Berichterstattung sprengte" und die Absicht hatte, Helmut Kohl und seine Kanzlerschaft zu kriminalisieren und zu diskreditieren, zur Wehr setzen.

Die Tagebuch-Aufzeichnungen beginnen mit dem 27. September 1998. Kohl nennt Gründe für die verlorene Bundestagswahl. Nach seiner Auffassung war es unter anderem ein Fehler, die Pläne für die Steuer- und Rentenreform auf Wunsch von CDU-Landesverbänden, die in Wahlkämpfen standen, bis zur Mitte der Legislaturperiode aufzuschieben.
Die Monate bis zum Herbst 1999 spiegeln wieder, welche Sympathien und welch großer Respekt für die Leistungen Helmut Kohls in Deutschland und aller Welt zum Ausdruck gebracht werden. Zahlreiche Ordensverleihungen, die Wahl zum Ehrenbürger Europas und Staatsmann des Jahrzehnts seien nur ein Ausschnitt.

Mit Beginn der Spendenaffäre im Spätjahr 1999 werden die Tagebuch-Eintragungen zahlreicher und länger. Der langjährige Parteivorsitzende der Union beschreibt sein Erleben der Affäre und schildert, wie langjährige Weggefährte und Freunde sich von ihm distanzierten; ein Mann, der Tage zuvor noch gefeiert und jetzt von vielen zu Unperson erklärt wird. Als besonders traurig empfindet der Alt-Kanzler den Bruch seiner Freundschaft zu Wolfgang Schäuble.
Ausführlich geht Helmut Kohl auf die Medienberichterstattung ein: Eine in seinen Augen völlig haltlose Kampagne.

Ferner gibt er Antwort auf die Frage, warum er die Namen seiner anonymen Spender nicht preisgibt und auf seinem Ehrenwort beharrt. Danach wäre für ihn das Brechen seines Ehrenwortes in "einer Sache, die keinen strafbaren Tatbestand darstellt, gleichbedeutend mit der Preisgabe meiner Würde. Bei der Gewinnung wie beim Erhalt von Vertrauen spielt das gegebene Wort eine entscheidende Rolle. Wer sein Wort bricht, verliert das Vertrauen", so Helmut Kohl.

Helmut Kohls Tagebuch ist ein äußerst interessantes und vielschichtiges Buch. Beim Lesen wird deutlich, wer der Mensch Helmut Kohl ist, der hinter Staatsmann und Affärengegenstand steht. Es entschleiert sich ein Mann, der ehrlich, vertrauenswürdig und standhaft ist, mit Werten, von den es in unserem Gemeinwesen immer weniger gibt. Unabhängig davon, was man ihm im Zusammenhang mit nicht deklarierten Parteispenden vorwerfen mag, wird man nicht umhin kommen, den Hut vor der bemerkenswerten Leistung, die Kohl als Staatsmann und Parteichef geleistet hat, zu ziehen.

Kennzeichen des Besonderen an Kohls Tagebuche sind die Rückblicke, wichtige Ereignisse in der Vergangenheit, an die der Autor bei seinen Aufzeichnungen immer wieder erinnert. Dies ist beispielsweise am 22.Dezember 1999 der Fall. Die spätere CDU-Vorsitzende Angela Merkel ruft in einem Artikel in der FAZ die CDU zum Bruch mit ihrem langjährigen Parteichef auf; Kohl erinnert sich dagegen an die Öffnung des Brandenburger Tores am selben Datum zehn Jahre zuvor.

Interessant sind für den Leser auch die Abläufe, wie Personalentscheidungen in der Union getroffen wurden und was Kohl von seinen innerparteilichen Gegner hält. Bereichert wir das Buch von anekdotenhaften Elementen; ein Beispiel die Schilderung einer Begegnung mit einer älteren Dame auf einem Friedhof in Moskau aus Anlass der Beerdigung Raisa Gorbatschowa, die sich später als Tochter Chruschtschows herausstellt.


Helmut Kohls Tagebuch liest sich flüssig und es besteht kein Zweifel, dass selten ein Staatsmann von Format so ehrlich und offenherzig über seine Gefühle schrieb. Helmut Kohl "Mein Tagebuch 1998-2000" ist mit Abstand das beste politische Buch, das in den letzten Jahren auf den Markt kam und unserer Meinung nach sehr zu empfehlen.
Der Versuch, die Vergangenheit zu betrachten ohne "Blick zurück im Zorn".