2017
 
 
 

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Titel:
Erschienen
Leben in Liedern - Meistertexte aus Bangladesch
06/98
Herausgeber:
Tias / Alokeranjan Dasgupta
Verlag: DA Verlag Das Andere, Nürnberg

Seiten / Preis: 127 Seiten / DM 18.--

 

Kritik an der spirituellen Belanglosigkeit, wie sie in Europa kultiviert wird, erhebt der Poet, Philosoph und Zeichner Tias in seinem Band "Leben in Liedern".

Eigentlich ist sein Buch dreiteilig: Die Einleitung von Tias selbst. Eine harsche Anklage an die Kasteiung durch die christlich-abendländische Religion, die den Menschen komplett von seiner Körperleichkeit entfernt und ihm die Fesseln geistiger Winzigkeit angelegt habe. Die geistig-geistlichen Führer dieser Religion, die ihn (den Menschen) "durch das Bellen ihrer Gebote abhalten sollten von falschen Schritten, von Fehltritten" hätten damit bewirkt, daß wir hierzulande allein unserer "unsterblichen Seele", nicht mehr aber unserem Körper huldigen. Ganz anders ein paar tausend Kilometer weiter. Dort seien durch die Konzentration auch auf den Körper für uns unvorstellbare und auf den ersten Blick "unmögliche" Formen der Verinnerlichung des Körperlichen möglich: In Indien findet man die größte Ansammlung solcher "Körperbeherrschung"; "Menschen balancieren unbeschwert über Schwertspitzen, spazieren kühl über glühende Kohlen, ruhen sich wohlgemut auf Nagelbetten aus..."

Im zweiten Teil versuchen die beiden Herausgeber, die geistige Grundstruktur dieses "Lebens in Liedern" zu vermitteln: Texte aus Indien, die - leicht verständlich und dennoch von schier unbegreifbarer Tiefgründigkeit - vom Leben des Menschen mit Natur, Geist und Körper handeln.

"Zuerst begreife die Zeichen der Natur", dann wende Dich Deinen geistigen Möglichkeiten zu und erkenne Dich selbst: "In einem dreizäunigen Garten" (die drei Hauptnervenbahnen, die den Rest des Körpers mit dem Gehirn verbinden) "blühen Sonne und Mond" (das Prinzip der Dualität). "An den Bäumen steinlose Früchte: Sechs Süchtige sind Zeugen" (die sechs Süchtigen sind die Begierde, der Zorn, die Habgier, der Hochmut, die Begehrlichkeit und der Neid).
Dabei ist die Unentschlossenheit ständiger Begleiter - aber sie muß überwunden werden, um zum Innersten zu gelangen.

Der dritte Teil ist die spirituelle Einordnung durch Alokeranjan Dasgupta, der sich seit vielen Jahren mit den Lieder der wandernden bengalischen Sänger, der Bauls, befasst. Er erklärt die Grundkonstrukte der religösen Hintergründe, führt in das Leben und Schaffen der Bauls ein.

Wir stehen in der Gefahr, solcherlei Publikationen mit einem müden "Blasphemie" vom Tisch zu wischen. Zu offensichtlich und provokativ sind die Anklagen der beiden großen Denker: "Deine Augen blicken nach innen - sie sind nicht auf Gott gerichtet" - das sind in unseren Ohren fast lästerliche Worte von "Ungläubigen". Wer aber die Fesseln der Intoleranz abzulegen versteht, der wird in den Texten, in den Worten der Inder, in den Gedanken von Tias und von Dasgupta Wahrheiten für sich und sein Leben finden. Man muß dafür nicht den Glauben aufgeben, sondern ihn wieder neu belebt erfahren.