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Uli Weyland
Erschienen
Strafsache Vatikan - Jesus klagt an
06/98
Bettendorfsche Verlagsanstalt, München
527 Seiten
Eines der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte ist die Freske Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zu Rom. Dieses Kunstwerk nimmt der ehemalige Stern-Redakteur Uli Weyland zur Kulisse für einen der aufsehenerregendsten Prozesse der Menschheit: "Jesus klagt an".

46 Hauptangeklagte sind es, die Jesus aus Galiläa vor die Schranken eines Tribunals zitiert - keine Kriegsverbrecher, Mörder, Gewalttäter, wie wir sie kennen, sondern Kriegsverbrecher, Mörder, Gewalttäter mit nach Außen hin blütenreiner Weste: Päpste, die seit 100 nach Christus auf dem "Heiligen Stuhl" saßen und als "Stellvertreter Christi auf Erden" ein - nach Weylands Beschreibungen - unmenschliches Pontifikat führten.

Weylands Jesus führt gegen jeden einzelnen "Heiligen Vater" genau rekonstruierte Beweise, die eine Anklageliste stützen, die von der schwere ihrer Verbrechen, aber auch von der breiten Streuung allein aufsehenerregend ist: Amtsanmaßung, Amtsmißbrauch, Beleidigung und Verunglimpfung, Bestechung, Betrug, Diebstahl, Ehebruch, Einmischung in innere Angelegenheiten, Erpressung, Falschaussage, Fälschung, Freiheitsberaubung, Gefährliche Körperverletzung, Inzest und Blutschande, Justizmord, Landfriedensbruch, Meineid, Mißbrauch von Abhängigen, Mord, Nötigung, Sachbeschädigung, Schändung, Störung der Totenruhe, Sexueller Mißbrauch, Unzucht, Vergewaltigung und Förderung der Prostitution, Störung des öffentlichen Friedens, Tierquälerei, Unterlassene Hilfeleistung, Unterstützung von kriminellen Vereinigungen sowie Kriegsverbrechern und organisiertem Verbrechen oder terroristischer Vereinigungen, Verschwörung, Vorbereitung von Angriffskriegen, Verletzung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, Verstoß gegen die Freiheit der Meinungsäußerung, Vergehen gegen die Freiheit der Wissenschaft, Verstoß gegen Gewohnheitsrechte, gegen Grundrechte, die Privatsphäre, die Menschen- und Naturrechte, die Völkerrechte, die guten Sitten und die zehn Gebote, verbrecherische Bereicherung, Verbreitung gefährlichen Schrifttums, Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen, Völkermord und Volksverhetzung.

Nun mag in der fast 500 Seiten starken Beweisführung manch ein Anklagepunkt ein wenig mutwillig konstruiert erscheinen. Dennoch: Läßt man nur die Hälfte aller Anklagepunkte als beweisfähig durchgehen, türmt sich eine gigantische Last auf den inzwischen schon etwas baufälligen Gemäuern von St. Peter auf.
Dabei legt Uli Weyland nicht unser heute kodifiziertes Rechtssystem zugrunde, sondern beruft sich auf Rechte, die allgemein gültig sind und jedem Menschen unveräußerlich von Natur aus eingeräumt werden müssen: Eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was wir als Grund- und Menschenrechte in unseren Gesetzen wiederfinden.

Ein besonderes Augenmerk gilt selbstverständlich dem amtierenden Papst Johannes Paul II.

Auf 20 Seiten führt Weyland Beweise gegen Karol Wojtyla ins Feld, die die Anklagen Amtsanmaßung und -mißbrauch, Verunglimpfung, Betrug, Einmischung in innere Angelegenheiten, Falschaussage, Fälschung, Mißbrauch von Abhängigen, Nötigung, Störung des öffentlichen Friedens, unterlassene Hilfeleistung, Verrat, Unterstützung von kriminellen Vereinigungen, Unterstützung von Kriegsverbrechern, Unterstützung des Organisierten Verbrechens, Verletzung von Grund- und Menschenrechten, Verstoß gegen die guten Sitten sowie die zehn Gebote durchaus rechtfertigen.
Dabei werden sowohl die Verquickungen zwischen der Vatikanbank IOR und der Mafia, als auch die noch heute erschreckend umfangreiche Macht der "Ritter vom Heiligen Grab" offengelegt. Pauls Haltung gegenüber Kriegsverbrechern stößt auf ebenso große Kritik, wie seine Politik gegenüber Israel und dem Judentum, seine strikte Haltung in den Fragen der Empfängnisverhütung ebenso auf Ablehnung, wie sein Festhalten an der päpstlichen Unfehlbarkeit, am Zölibath und an der Marienverehrung.

Alles in allem legt Weyland ein sehr genau recherchiertes Buch vor, das zwar nicht mehr ganz aktuell - die Erstausgabe erschien bereits 1994 -, aber dennoch sehr treffend in den Wunden der katholischen Kirche bohrt: Er fordert nicht die Auflösung der Kirche, nicht deren Abschaffung oder den Widerruf aller Grundsätze. Aber Weyland läßt Jesus stellvertretend für alle die Übernahne der Verantwortung für all die Verbrechen, die im Namen der Kirche verübt wurden, fordern. Und das ist eine Forderung, der sich jeder anschließen kann.