2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Titel:
Erschienen
Noch Fragen, Kienzle? Ja, Hauser! - Der offizielle deutsche Meinungsführer
07/98
Autor:
Bodo H. Hauser / Ulrich Kienzle
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Seiten / Preis: 368 Seiten / DM 39,80


Die Streitkultur soll in unserer Gesellschaft enorm unterentwickelt sein, sagen Psychologen und Soziologen in harmonischem Gleichklang aber mit einem die ganze Bedenklichkeit der Lage ausdrückenden Unterton. Diskussion finde kaum statt und wenn, dann werde die Diskussion nicht wahrgenommen und führe selten zu entsprechenden Ergebnissen: Mehr und mehr regiere die Faust und das Recht des Stärkeren die Welt.

Da mag es einem wie der quichottsche Kampf gegen die Windmühlen vorkommen, was die beiden Journalisten Bodo H. Hauser und Ulrich Kienzle seit einigen Jahren betreiben: Innerhalb kürzester Zeit haben sich die beiden zu den führenden Streihähnen der Nation aufgeschwungen, ihr gemeinsames ZDF-Magazin "Frontal" schlug alle bis dahin aufgestellten Rekorde und wurde zum Publikumsliebling. Aber nicht nur das: Anders als Don Quichotte, der legendäre Ritter von der traurigen Gestalt, hatten die beiden auch wirklich durchschlagenden Erfolg. Hauser und Kienzle haben etwas entwickelt, was Vorbbildcharakter für ein ganzes Volk haben kann - sie Streiten nicht um des unbedingten sieges über die andere Meinung willen, sondern sie streiten aus Lust an der Diskussion, aus Freude an der Auseinandersetzung und aus purem Spaß an der opponenten Meinung.

Nicht mehr ganz druckfrisch, aber immer noch topaktuell, die gelungene Umsetzung des Prinzips von "Frontal" in die gedruckte Fassung. "Noch Fragen, Kienzle? Ja, Hauser!", deklariert als "der offizielle deutsche Meinungsführer" läßt den "rechten" Hauser und den "linken" Kienzle mit aller Macht aufeinanderprallen. Es ist schön zu sehen, wie konträr die Meinungen in den politischen Spektren dieses Landes doch noch zu sein scheinen und wie unterschiedlich die Lebenswelten und Realitätswahrnehmungen je nach politischer couleur offenbar sind - allen Unkenrufen, die behaupten, die großen politischen Strömungen würden sich einander ständig annähern, zum Trotz.

So streiten sich Kienzle und Hauser auf mehr als 300 Seiten durch alle Themen der Gegenwart, von "Abgeordneten" (H.: "Wer allen dient, muß auch verdienen!" versus K.: "Leere Sitze, volle Feste") und "Gewerkschaften" (H.: "Die Väter der Gießkanne" versus K.: "Leistung muß sich lohnen") bis "Unternehmensberater" (H.: "Führer für Betriebsblinde" versus K.: "Todesschwadronen des Kapitalismus") und "Zweierlei Maß". Jeweils in einem größeren gemeinsamen Artikel, einem kurzen Dialog oder aber in zwei getrennten Stellungnahmen zum gleichen Thema stürzen die Meinungen aufeinander, werden pointierte Wendungen und rücksichtslose Abrechnungen gegeneinander geschleudert.

Daß es diese Art der Meinungsschlacht zu so großem Erfolg bringen konnte, erklären die beiden Journalisten gleich selbst und bezeichnen die Wirkmechanismen als "Das Hauser-Kienzle-Prinzip". In dieser "Phänomenologie eines binären Codes" stellen die biden klar, daß sich Gegensätze nicht nur anziehen, sondern bedingen, daß die "Doppelhelix frontalis" gleichsam schon im chemsichen Bauplan der Schöpfung begündet wurde, daß sowohl die griechische Mythologie, als auch die Reformationszeit erste Beispiele ähnlich funktionierender Paarungen vorstellen (Castor und Pollux, Thomas Müntzer und Martin Luther), daß das Zusammentreffen von Schiller und Goethe im 18. Jahrhundert ebenso wie die Kombination von Laurel und Hardy im Medienzeitalter weitere Vorläufer des heute so erfolgreichen Doppelpacks darstellen: Hauser und Kienzle als die logische Folge der Evolution?

Darüber ließe sich nun wieder einmal trefflich streit