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Erschienen
Enki Bilal - Der Schlaf des Monsters
Ein Interview
01/1999
Der Krieg in Bosnien, Gewalt, Erinnerung, Fanatismus, Freundschaft und Liebe, Klonen, Identitätssuche: "Der Schlaf des Monsters" ist ein reiches, üppiges Werk. In seinem düsteren, spöttischen Colorit erzählt Enki Bilal von den Dingen, die ihn berühren. Auf diese und andere Fragen - Kino, Comics, Fußball, Luxushotels - antwortet Bilal im selben Stil. Nachdenklich, aufrichtig, und trotz einer illusionslosen Sicht leidenschaftlich.

?: Sechs Jahre liegen zwischen "Äquatorkälte" und "Der Schlaf des Monsters", ebenso wie zwischen den Bänden der Nikopol-Trilogie seit dem ersten im Jahr 1982. Ist das Zufall?
Bilal: Reiner Zufall. Grund dafür sind meine übrigen Projekte und daß die Zeit zu schnell vergeht... Aber auch, und das ist wichtig, ein gewisses Freiheitsbedürfnis, das ich seit zehn Jahren verspüre: die Freiheit, meinen Impulsen folgen zu können. Daher die langen Zeitspannen, die Pausen. Und es ist eine Frage des Respekts vor meinen Lesern. Natürlich hätte ich den Rhythmus beschleunigen und mehr veröffentlichen können, aber die Qualität hätte darunter gelitten. Meine Freiheit ist ein Luxus, das ist mir klar. Sie ist übrigens nur möglich im Bereich des künstlerischen Comic, wie ich ihn liebe. Beim Film habe ich völlig andere Bedingungen angetroffen und extrem schwierige Situationen erlebt, geradezu gewaltsame, aber begeisternde Exzesse, die mir viel gegeben haben, die mich befruchteten und mir als Autor neue, verläßlichere Bereiche öffneten. Ich denke manchmal, daß diese "Knechtschaft" mir einerseits meine Freiheiten in der Comic-Welt bewußt machte und mich andererseits durch harte Schulung zu einer neuen Arbeitsweise brachte.

?: Ist das die Erklärung dafür, daß seit einigen Jahren jedes Ihrer Alben - sogar innerhalb einer geschlossenen Trilogie - neue Gebiete beschreitet? Wo bleibt bei diesen stilistischen, erzählerischen, grafischen Brüchen die einheitliche Linie?
Bilal: Es gibt sie. Wirklich. Doch auch da ändern sich die Zeiten. In sechs Jahren habe ich mich persönlich verändert. Und die Welt hat sich gewandelt. Besonders in den letzten Jahren war die Beschleunigung atemberaubend. Alles, was ich mache, hat starke Bezüge zu aktuellen Ereignissen, zur Welt von heute. Vielleicht kommt daher der Eindruck von Brüchen. Das Gehirn nimmt eine gewisse Menge an Informationen auf, verarbeitet sie, gibt sie wieder und läßt dabei mehr oder weniger bewußt jene Veränderungen und Entwicklungen einfließen. Serbe, Kroate oder Muslim?

?: "Der Schlaf des Monsters" beginnt mit der Frage einer Journalistin an eine der Hauptfiguren, Nike: "Sind Sie Serbe, Kroate oder Muslim?" Nike antwortet nicht...
Bilal: Er kann nicht antworten, wird es nie können... Ich kann es ja selbst nicht. Diese Frage hat nur für bestimmte Journalisten Sinn. Oder für die Nationalisten, die ich stark werden sah, in Zagreb bei den Kroaten, in Serbien in Belgrad natürlich, und nun bei den muslimischen Fundamentalisten. Er kann vor allem nicht antworten, weil er keine echte Identität besitzt. Den Namen Nike trägt er, weil er neben einem toten Soldaten - vermutlich seinem Vater - lag, der "Nike"-Schuhe anhatte. Sein Familienname ist der des Journalisten Hatzfeld, der ihn fand. Die fehlende Identität ist ein Grundzug der Geschichte. In Jugoslawien kristallisiert sich der Haß an Namen. Anhand des Namens wird man identifiziert: "Ich weiß, woher du kommst. Du gehörst zu uns, und der da gehört nicht zu uns." Diese doppelte Auslöschung der Identität ist die Triebkraft der Figur Nike. Meine übrigens auch. Es ist eine Form der radikalen Ablehnung der völlig überflüssigen, dummen Frage: "Woher kommen Sie? Zu welcher ethnischen Gruppe gehören Sie?"

?: Warum wird sie dann im Album gestellt?
Bilal: Weil sie ein Spiegel unserer Gesellschaft ist, die alles irgendwo einordnen will. Man muß dazugehören - zu einem Clan, einem Volk, einer Religion, einer Berufsgruppe. Enki Bilal ist ein Comiczeichner. Wenn ich das Etikett ablehne, ist das ungut, nicht normal, ich gebe ein unklares Bild ab. Nationalismus und Rassismus leben davon. Sie ertragen keine differenzierten Bilder. "Moment mal, Sie haben kein arabisches Blut in den Adern. Ihre Hautfarbe stimmt nicht..." Informationen werden nicht gewichtet, überdacht, analysiert. Sie müssen grob, schnell, knapp sein. Jene Frage ist die Karikatur eines bestimmten Journalismus' und einer ganzen Geisteshaltung in diesem Jahrhundert, die ich unhaltbar und ungeheuerlich finde. Wir gehen in ein neues Jahrtausend, und da führen Begriffe wie Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Religion in die Irre. Schon der Nationalitätsgedanke ist eine Verirrung. Vielleicht hat mir mein eigener unfreiwilliger Umzug im Alter von zehn Jahren von Belgrad nach Paris klar gemacht, daß man als Jugoslawe entweder Kosowar, Mazedonier, Slowene, Kroate, Serbe, muslimischer Bosnier oder Montenegriner ist... Der Zerfall Jugoslawiens ist absurd wie dieses ganze Jahrhundert. Es war wie ein Laborexperiment, das der Rest der Welt toleriert und programmiert hat. Ich spreche hier zum erstenmal öffentlich von meiner Ratlosigkeit gegenüber dem ehemaligen, dem heutigen und dem zukünftigen Jugoslawien. Der Balkan ist ein äußerst geschichtsträchtiges Gebiet, wo mächtige, extrem gegensätzliche Kulturen, ganze Welten aufeinanderstießen: Orient und Okzident, Österreich-Ungarn und das Ottomanische Reich... Vor diesem Hintergrund kann ich die Frage nach dem eigenen Ursprung gut verstehen: "Woher komme ich? Wer bin ich?" Eine völlig ehrenwerte Frage. Aber wenn sie am falschen Ort gestellt wird, in bäuerlichen, ungebildeten Kreisen, führt sie zu Barbarei und Gewalt. Und einige wenige Drahtzieher nutzen das aus.

?: In der Tat ist es das erste Mal, daß Sie in einem Album Ihre Herkunft thematisieren, Ihr Heimatland Jugoslawien. Die drei Hauptpersonen im "Schlaf des Monsters" sind Jugoslawen, geboren im bosnischen Krieg.
Bilal: Zusammen mit Pierre Christin habe ich bereits in "Treibjagd" von Ländern des Ostens erzählt, aber das hatte allgemeine, historische, abstraktere Hintergründe. Es war an einem Wendepunkt, zu Beginn der Perestroika, als nach Jahrzehnten der Erstarrung ein neues Land geboren wurde. Das System enthüllte seine Anfälligkeit. Wir begaben uns da hinein und erzählten eine beispielhafte Geschichte vom sterbenden Kommunismus. Beim "Schlaf des Monsters" bin ich weit mehr persönlich involviert. Ich befreie mich sozusagen von dem Krieg, der mein Heimatland zersplitterte. Während des eigentlichen Kriegs habe ich keine eindeutige Stellung bezogen, weil ich schlicht und einfach ratlos war. Die Lage war äußerst kompliziert, obwohl man die Verantwortung scheinbar klar zuordnen konnte. Ich bin ein Sohn jenes Landes und seiner ethnischen, kulturellen, religiösen Vielfalt. Als Kind in der Schule war ich zugleich Kroate, Serbe, Moslem, Mazedonier... alles, außer Kosowar, denn das war damals undenkbar. Die Kosowar - und hier holt uns die Geschichte wieder ein - waren sehr schlecht angesehen, sie waren unsere "Maghrebinier"... Ich war mir dessen nicht klar bewußt, ich spürte nur, daß es so war. Ich merkte, daß die Erwachsenen sich ständig fragten: "Dieser Name, woher stammt der?", selbst wenn sie einander auf die Schulter klopften. Noch heute sagen mir viele Serben: "Bilal, Bilal... das ist nicht serbisch." Das ist, als ob man in Frankreich zu hören bekäme: "Dupont, Moment, Dupont... woher kommt der Name?" Ein Name aus der Bretagne klingt bretonisch, einer aus dem Elsaß elsässisch, aber hierzulande ist man nicht von ethnischen Zugehörigkeiten besessen. Als Jugendlicher begann ich zu begreifen, daß dieses Problem tief in unserer Mentalität verankert war. Dennoch ist es schwierig, das Thema in den Medien zu behandeln. Heute muß alles schnell gehen, man ordnet gern ein zu: der ist der Böse, der ist der Gute, Schwarz oder Weiß. Aber wenn es ein Land, eine Situation gibt, auf die solche Vereinfachungen nicht zutreffen, dann ist es Jugoslawien. Also habe ich mich herausgehalten. Zudem bin ich ein "Mischling": vom Vater her Bosnier (nicht bekennender Muslim), Belgrader - also Serbe - aufgrund meiner Kindheit, und Tscheche von meiner Mutter her, von der ich die Introvertiertheit, das Bedächtige geerbt habe. Eine eigenartige Mischung, aus der sich meine Zurückhaltung erklärt. Es lag auf der Hand, daß ich eines Tages Stellung nehmen mußte. Ich bin weder Journalist, noch Philosoph, noch ein "Intellektueller". Ich bin in erster Linie Schöpfer von Comics, Filmen, Illustrationen... Von dieser Seite mußte also der Anstoß kommen. Und er kam ganz natürlich, ungezwungen, im richtigen Augenblick.

?: Sie fanden gewissermaßen Ihr Gedächtnis wieder?
Bilal: Das Skelett, das Rückgrat des Albums ist tatsächlich die Erinnerung, schlicht und einfach: "Ich erinnere mich an meine Kindheit. I remember. Ich erinnere mich." Jeder hat diesen banalen Satz oft ausgesprochen, spricht ihn, wird ihn sprechen. Joe Brainard und Georges Perec haben ihn im Bereich des individuellen Gedächtnisses aufgewertet. Doch im Fall Jugoslawien ist das individuelle Gedächtnis gleichzeitig das kollektive, allgemeine. In meinem Album habe ich es unterlassen, den Zerfall des Landes in Bildern zu zeigen. Ich habe mit Worten davon erzählt. Das war Absicht. Sprache beflügelt die Vorstellungskraft, sie besitzt einen einzigartigen, unvergleichlichen Rhythmus, eine Melodie. Und bestimmte Dinge darf man nicht abbilden. Das ist eine Frage des Anstands. Für mich wäre es sowohl unanständig als auch vergeblich, den Zusammenbruch Jugoslawiens, Krieg und Gewalt bildlich darstellen zu wollen. Worte dagegen haben Gewicht, Farbe und Rhythmus, die jeder Leser auf seine Weise wahrnimmt. Die Dinge werden klar, durchsichtig, frei. Bilder sind äußerst gewalttätig. Also habe ich beschlossen, den entsprechenden Teil in der Mitte des Albums mit den Mitteln der Sprache zu gestalten. Im Gegensatz dazu wird alles andere grafisch entwickelt: die "Gegenwart", 30 Jahre nach dem Krieg, in der die Geschichte spielt. Worte und Bilder bilden je eigene Erzählebenen, es gibt keine Redundanz. Ich habe bewußt beides in eine Art Umschaltbeziehung gesetzt. Schließlich sind ja die Themen dieselben: Gewalt, Unverständnis, Nationalismus, Mafia, Fundamentalismus, Obskurantismus... bis weit in die Greuel hinein, deren der Mensch fähig ist.

?: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten gewisse Ereignisse aus Ihrer Kindheit völlig vergessen. Ist ein Werk, das sich mit der Erinnerung beschäftigt, eine Form der Selbsttherapie?
Bilal: Die Behandlung der Erinnerungsarbeit in diesem Album geschieht aus einer ungewöhnlichen, widersinnigen Perspektive: Nike ist ein Säugling von achtzehn Tagen, und doch erinnert er sich. Seine Abnormität bietet ungeahnte Möglichkeiten. Nike ist nämlich ein Auge, ein Zeuge des Kriegsgeschehens um ihn her. Es ist natürlich nicht das, was ich in seinem Alter sah und hörte. Anfangs habe ich mich gefragt, ob ich dieses Bild darstellen könnte, müßte - ein Baby in der Krippe mit zwei weiteren neben sich. Es hätte bedeutet, alles zu zertrümmern, das Gebäude einzureißen, die Realität zu kippen, und das hätte nicht funktioniert. Außerdem ist Nikes Sprache bereits sehr ausgeformt, es ist die eines Erwachsenen. Meine persönlichen Erinnerungen geben ja nicht das wieder, was ich tatsächlich als Kind empfand, ich erinnere mich selbstverständlich nicht an meine Eindrücke mit achtzehn Tagen. Zudem wollte ich nicht meine Kindheit nacherzälen, das war nicht das Thema. Mein Thema ist der Niederschlag von Zerrissenheit und Schmerz, wie ich sie als Erwachsener empfand, in einer Figur. Ich habe mich in ein Kind hineinversetzt, das sich an Dinge erinnert, die meiner Vorstellung nach jemand 1993 in Sarajewo erlebt haben könnte. Es ist ein... Kunstgriff. Philosophie des Schlafs

?: Wie kamen Sie auf den Titel "Der Schlaf des Monsters"?
Bilal: Der Schlaf des Monsters spielt auf vieles an. Zunächst auf das Ungeheuer, das in uns allen schläft. Ich kann es nur ungeheuerlich und abartig finden, wenn jemand seinen Nächsten ermordet, bloß weil er gehört hat, jener sei von einer anderen Volksgruppe. Auf planetarischer Ebene hieße das: "Du denkst nicht wie ich, also bringe ich dich um... Ich dulde deine Einstellung nicht... Du hast kein Recht, dich zu äußern, anders zu sein... Dein Denken ist böse." Wenn man sich vorstellt, daß diese heutigen Tendenzen weiter um sich greifen, daß Sektierertum, Mafiastrategien und Intoleranz sich ausbreiten - es würde in einer zweigeteilten Welt enden. Darum geht es auch in dem Album, daß eine spirituelle Diktatur plötzlich zu einem Monster der Intoleranz mit planetarischem Wirkungsfeld wird, ein Feind von Wissen, Vernunft, Erinnerung...

?: Glauben Sie wirklich, daß religiöse Fanatiker - Moslems, Katholiken usw. - sich wie in Ihrem Album in wesentlichen Punkten verständigen und ihre Gegensätze überwinden könnten?
Bilal: Es ist ja schon der Fall. In Israel gibt es einen Gottesnarren, einen religiösen jüdischen Fanatiker, der sich dem Ajatollah Khomeini sehr verbunden fühlt. Die Extreme berühren sich. Die Interessen ebenfalls, denn sie sind nicht nur ideologisch: diese Systeme brauchen nicht zuletzt Geldgeber. Die Motive der Obskurantisten sind nicht rein religiöser Natur. Sie streben durchaus eine neue Aufteilung der Welt an. "Der Schlaf des Monsters" handelt von dieser Gefahr. Obwohl ich versuche, das Ganze etwas ins Lächerliche zu ziehen. Spott ist etwas sehr Wichtiges.

?: Trotzdem findet man im "Schlaf des Monsters" weniger Humor als in Ihren früheren Alben, allen voran "Äquatorkälte". Das Thema ist wohl zu ernst, um damit zu spaßen.
Bilal: ...und ich bin düster, verzweifelt, wortkarg geworden (lacht). Stimmt, ich finde, das Thema ist zu gewichtig, als daß viel Raum für Humor bliebe. Vor allem das allgegenwärtige Motiv der Erinnerung... Ich spreche schmerzliche, grausame Dinge an. Paradoxerweise bricht in den schlimmsten Momenten der Humor durch, aber es ist ein anderer, extrem schwarzer Humor. Er entschärft die unerträglichsten Situationen.

?: In "Die Geschäfte der Unsterblichen" waren die Glaubensführer über die Maßen lächerlich. Hier kann man nicht über sie lachen.
Bilal: Es gibt eine in jeder Hinsicht äußerst düstere Passage in dem Album, die über religiöse Probleme hinausgeht. Dort steht man dem absoluten Bösen gegenüber. Auf der einen Seite die religiöse Intoleranz, der dümmste, verbohrteste, barbarischste Fundamentalismus, auf der anderen die Erinnerung an die Shoah, die Lager, die ethnischen Säuberungen in Jugoslawien... Es ist das Unaussprechliche, das tiefste Entsetzen... Wenn ein Buch solche Lasten transportiert, wenn man sie grafisch darstellen muß, vergeht einem wahrlich das Lachen.

?: Wie stehen Sie zu körperlichem Leid?
Bilal: Körperliches Leid, Schmerzen sind Ungeheuer. Sie machen mir große Angst. Dennoch erzähle ich von nichts anderem. Scherz, Körperpein... Ich versuche gewissermaßen, den Schmerz zu verdrängen. Zu Anfang zeige ich Nike mit gebrochener Nase und einem dicken Verband, und am Ende hat er wieder eine gebrochene Nase und einen Verband - aus Gründen, die sich durch die Handlung ergeben. Ich verdränge den Schmerz, indem ich ihn lächerlich mache. Mit Nikes leicht albernem Leid will ich das andere, nicht gezeigte, nur angedeutete Leid in der Mitte des Albums quasi austreiben. Als ich diese Szene zeichnete, dachte ich viel an Goyas dunkle Periode... Bei Goya handelt es sich um sein eigenes Leid, seinen Wahn, um Leben und Tod, um seine Visionen... Es ist großartig. Man taucht geradezu in das Wesen des körperlichen Schmerzes ein. Er ist nicht unmittelbar sichtbar, aber man spürt die gepeinigten Körper in den Vernichtungslagern der Nazis oder den ethnischen Säuberungslagern. Leid, Humor, Spott... das alles muß sorgfältig dosiert sein.

?: An einigen Stellen verwenden Sie ausschließlich Text. Das ist neu. (Irrtum, schon die "Pressespiegel"-Seiten aus "Die Geschäfte der Unsterblichen" sind ausschleißlich Text mit Hintergrundbild wie auch hier der Top-Secret-Deckel als Hintergrund fungiert. Die Parnass-Redaktion)
Bilal: Wenn man ein Album entwirft, muß man zunächst eine Flut von Impulsen, Ideen, Bildern bündeln. Es ist wie ein Big Bang. Und da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder hat man klare Vorgaben vom Verlagsprogramm oder vom Geist einer Produktion - regelmäßiger Strich, runde Sprechblasen, so läuft es nun einmal im Comic. Oder aber man hat Freiheiten, den Luxus, von dem ich eingangs sprach. Dann kann man in Übereinkunft mit dem Verlag ungewöhnlichere Mittel einsetzen. Ich persönlich kreise dann den Stoff ein, der mich angesprochen hat - der mich in diesem Fall regelrecht gepackt hat - und suche nach einer erzählerisch-gestalterischen Umsetzung. Hier wurde mir schnell klar, daß mein bisheriges Herangehen nicht tragen würde. Es schien mir unerläßlich - die Erfahrungen mit dem Film spielten da sicher herein - jedes Panel, jede Seite frei und autonom anlegen zu können. Wie bei der Filmregie, wo man die Einstellung und die Dialoge zuvor festlegt. Dieser Ansatz, vor allem die Trennung von Bild und Text, schien mir passend für das Thema der Erinnerungsarbeit. Die traditionellen Mittel des Comic, das übersichtliche Layout, die klar umrissenen Panels, alles das empfand ich als Beengung. Indem ich Text und Bild miteinander verschnitt, spielte ich wie im Film mit Bild und Ton.

?: Im "Schlaf des Monsters" haben Sie jedes Bild einzeln gezeichnet und anschließend am Computer zusammengesetzt. Auf diese Weise kann man die Ausschnitte verändern, Bilder einfügen, zurückgreifen... Es ist die Arbeit eines Cutters.
Bilal: Da möchte ich etwas ganz klarstellen. Ich benutze den Computer nur für die Seitenmontage. Ansonsten zeichne ich von Hand, jetzt sogar mehr denn je. Die heute verfügbaren Produktionstechniken kommen den Geschichten, die ich zu erzählen habe, nur zugute. Ich habe die Freiheit zu sagen: "Das ist eine Technik, die mir dient." Und sie bietet einen zusätzlichen Reiz. Ich entdecke neue Mittel, ich gehe ein Wagnis ein, und das ist sehr aufregend.

?: Im "Schlaf des Monsters" wird die Sinnlichkeit, die Zweisamkeit gefeiert. Leyla und Finch, Nike und Pamela, Sascha und Amir. Auch das ist neu.
Bilal: Die Liebe ist das Einzige, das stets schwer zu erreichen sein wird - obwohl sie heute allerorten wie ein Produkt gehandelt wird. Aber Liebe, echte Liebe, die Vereinigung von zwei Wesen, ist die letzte große Utopie. Gleichzeitig bietet sie einen dramatischen Angelpunkt. Mir käme es absurd vor, diese... sagen wir, konkrete Dimension in meinen Werken zu vernachlässigen. Das ist doch die Realität: zwei Personen kommen zusammen, ohne erkennbaren Grund, das passiert täglich. Die Liebe bringt etwas Vertrautes, sie ist nicht kalkuliert, sondern notwendig, das Gegenteil des Künstlichen. Wenn alle Figuren reine Fiktion bleiben, verliert man selbst in einem Politik-Thriller die Bodenhaftung. Ich brauche den menschlichen Aspekt. Und es ist aufregend, sich lebendige Personen mit heftigen Gefühlen vorzustellen.

?: Im Beisein von Pierre Christin sagten Sie einmal, es sei viel einfacher, im Film zu sagen "Ich liebe dich" als in einem Comic. Im "Schlaf des Monsters" habe Ihre Figuren keine Probleme mit diesem Satz.
Bilal: Damit habe ich mich selbst der Lüge überführt. Ich sagte: "Das bringe ich, und es funktioniert (lacht)."

?: In Ihren Geschichten ist es immer sehr kalt oder sehr heiß. "Der Schlaf des Monsters" bildet keine Ausnahme. Haben Sie etwas gegen Frühling und Herbst?
Bilal: Richtig, sogar in der Titelformulierung: "Äquatorkälte"... Es ist allerdings kein Gesetz. Ich liebe die Farben von Frühling und Herbst, in der Natur begeistert mich das. Aber ich kann oder will diese Art Schönheit nicht abbilden. Wenn ich warme, gefühlige Ockerfarben verwende, erkenne ich meine Bilder nicht wieder. Es ist wirklich erstaunlich. Ich liebe Kontraste, aber der Schluß von "Schlaf des Monsters" straft mich ein wenig der Lüge. Das mag daran liegen, daß ich in Belgrad in einem kontinentalen Klima aufgewachsen bin. Die Winter waren extrem hart und kalt mit viel Schnee, die Sommer furchtbar heiß. Jene Zeit ist mir besonders lebhaft in Erinnerung, weil wir in Paris nie Schnee haben. Das ist frustrierend. Alles ist lauwarm, mittelmäßig.

?: Sie haben immer wieder betont, daß Sie sich nicht dem Gesetz der Serie beugen. Aber "Der Schlaf des Monsters" ist der erste Band einer Trilogie. Dabei denkt man unweigerlich an Ihr letztes Werk, die drei Bände der Nikopol-Trilogie. Wo liegt der Unterschied zwischen einer Trilogie und einer Serie?
Bilal: Serien sind eine weit verbreitete Erscheinung im Comic, gegen die ich übrigens nichts habe. Aber ich werde noch heute oft gefragt, sobald ich mich als Comiczeichner zu erkennen gebe: "Und welchen Helden zeichnen Sie?" Nein, ich zeichne keine Heldenserien, ich mache eigenständige Bücher. Ich habe in der Tat keine Lust, zehn, zwanzig Alben lang ein und dieselbe Figur zu zeichnen. Es ist die bewußte Entscheidung, mir nicht selbst die Hände zu binden. Wenn ich allerdings eine Trilogie beginne, dann liegt der Grund darin, daß ich in einem Band nicht alles unterbringen kann, was ich zu dem Thema im Sinn habe. Ich stelle eine Beziehung zu den Figuren her - zum Beispiel zu Nikopol - und stecke mir den Rahmen von drei Bänden, um sie zu ergründen. Es ist auch eine Frage der Flexibilität: so kann ich etwa unvorhergesehene Figuren auftreten lassen. Aber vor allem kann ich im Lauf der Handlung meine eigene Entwicklung und die meiner Umwelt einbringen. Innerhalb von zwölf Jahren, wie bei der Nikopol-Trilogie, ist das möglich. Im vorliegenden Fall bin ich jedoch überzeugt, es wird viel schneller gehen.

?: Man hat Ihnen mitunter vorgeworfen, Sie hätten - oder hatten - eine etwas herablassende Meinung vom Comic. Sie hielten ihn für eine weniger "edle" Kunst als zum Beispiel den Film.
Bilal: Umgekehrt. In der Filmbranche wurde mir oft nahegelegt, zu meinen Micky-Mäusen zurückzukehren, zum "verachteten" Comic... Dabei ist das Gegenteil der Fall: mit der Industrialisierung wird der Film immer ärmer, er bringt nur noch Fließbandprodukte hervor. Im Vergleich dazu ist der Comic erstaunlich frei und kreativ geblieben. Bei der Beschäftigung mit Film habe ich zweifellos Höhepunkte erfahren, die der Comic mir nicht geben konnte: menschliche Beziehungen, die Arbeit in der Gruppe... Andererseits erlebe ich beim Comic unerhörte Freiheiten. Ich finde nicht, daß ich mit solchen Äußerungen den Comic herabsetze. Außerdem mache ich weit weniger Filme als Comics, es wäre eine Ausweitung und Beschränkung zugleich. Nein, ich habe zwei Filme realisiert, MEINE Filme - und bin kein Filmemacher. Ich habe MEINE Bücher gemacht - und bin kein Comicmacher. Für mich ist das miteinander vereinbar. Und die Bühnenbilder, die ich für Angelin Preljocaj entworfen haben, liegen auf derselben Linie. Anders ausgedrückt: ich sehe mich nicht als Multitalent, sondern als Autor, der sich verschiedener Mittel bedient, um sich auszudrücken.

?: Woher kommt dieser Hunger, diese Neugier auf unterschiedlichste Bereiche?
Bilal: Es ist nicht eigentlich Hunger, keine Gier. Ich lasse mir Zeit mit der Erforschung, ich wähle aus. Lust auf Neues, ja. Vielleicht - und diese Erklärung mag dahingestellt sein - hat mir die überstürzte Abreise aus meinem Heimatland die Wurzeln gekappt, meine Gewißheiten erschüttert... Vielleicht ertrage ich es einfach nicht, mich als Comicautor - punktum - einzuordnen. Beim Film, im Theatermilieu und in der Tanzszene habe ich Menschen kennengelernt, denen ich nie begegnet wäre, wenn ich mich auf den Comic beschränkt hätte. Comiczeichnen ist eine rein individualistische Tätigkeit. Man ist allein kreativ. Ich würde es übrigens nicht aushalten, in einem Atelier zu arbeiten, wie es viele junge Zeichner tun und ihre Energie daraus schöpfen. Ich bin da anders, ich arbeite allein, nur so gelingt mir etwas. Und wenn ich daraus auftauche, finde ich die Begegnung mit Choreografen, Film-Crews, Schauspielern interessanter als die mit Berufskollegen. Um Zeichnerkollegen zu treffen, muß ich keineswegs auf Parties gehen. Ich sehe sie bei anderen Gelegenheiten.

?: Wie versöhnen Sie den Gegensatz zwischen dem zurückgezogenen Zeichner und dem notgedrungen "umtriebigen" Filmregisseur?
Bilal: Wenn ich einen Film drehe, werde ich wieder zum Sozialwesen. Ich spiele mit. Aber letztlich ist man auch als Filmregisseur allein. Selbst wenn ich das Glück habe, mich auf eine fähige technische Crew und hervorragende Darsteller stützen zu können, wenn wir zu einer Gruppe, fast zu einer Familie zusammengewachsen sind, die ein gemeinsames Ziel verfolgt. Aber das Kino ist eine Industriebranche, in der man starkem Druck ausgesetzt ist... Bei der Arbeit am "Schlaf des Monsters" kann ich eine Seite einfügen, sofern mir danach ist. Will ich ein unpassendes Panel weglassen oder durch ein anderes ersetzen, tue ich das. Beim Film geht das nicht. Es sei denn, man ist berühmt wie Emir Kusturica. Der kann sich das herausnehmen. Wenn er nicht zum Drehen aufgelegt ist, wird nicht gedreht. Ich verhalte mich da eher bescheiden - vielleicht liegt es an meinem Einzelgängertum -, und versuche, meine Termine einzuhalten, das Ganze in neun Wochen abzudrehen. Womöglich sollte ich mich mehr kaprizieren (lächelt)... Aber ich bin, wie ich bin, und habe damit Erfolg. Hier liegt ein weiterer Unterschied zwischen Kino und Comic: Zeichner sind gezwungenermaßen bescheiden. Der Comic ist ein äußerst individuelles Werk. Filmen ist kämpferisch, schnell, effizient. Das gilt, obwohl ich mein Vorbild Alain Resnais bei der Arbeit an "La Vie est un Roman" (dt. "Das Leben ist ein Roman") beobachten konnte und mir sagte: "Sieh an, man kann Filme auch mit Gelassenheit, Ruhe und Heiterkeit drehen."

?: Sind die Leser Ihrer Bücher identisch mit den Besuchern Ihrer Filme?
Bilal: Nein, und das ist noch ein Unterschied zwischen Kino und Comic: der Filmzuschauer nimmt passiv auf, während der Leser den Prozeß völlig autonom steuert. Das ärgert, nebenbei bemerkt, alle diejenigen sehr, die im Film eine Kunstform sehen und den Comic auf die unteren Ränge verweisen. Hört man nicht auch oft, daß schlechte Filme mit Comics verglichen werden? Tödlich, oder? Es gibt schwachsinnige Comics, schwachsinnige Filme, schwachsinnige Romane. Aber ich bin der Meinung - und das Gegenteil soll mir erst einmal jemand beweisen -, daß Comics die Phantasie mehr anregen, daß sie reichere Möglichkeiten bieten als Filme. Der Film ist eine Reise von 90 Minuten, gelenkt vom Regisseur und zunehmend wie ein Konsumgut gestaltet. Auch der Comic unterliegt Zwängen, den Gesetzen des Marktes. Doch beim Comic kann man zurückblättern, bei einem Bild verweilen. Man ist Herr über die Zeit, den Aufnahmerhythmus, Herr der Beziehung zu dem jeweiligen Buch... Dabei liebe ich das Ausdrucksmittel Film. Ich bin ein eifriger Kinogänger, nur finde ich, der Comic sollte aufgewertet werden. Da sehe ich ein krasses Ungleichgewicht.

?: Sie haben ausführlich erläutert, was der Film Ihnen als Comic-Autor gegeben hat. Das wird besonders deutlich bei "Die Frau in der Zukunft", mehr noch bei "Äquatorkälte", dem Buch, das Sie nach Ihrem ersten Film "Bunker Palace Hotel" fertigstellten. Was hat nun umgekehrt der Comic zu Ihrer Regiearbeit beigetragen?
Bilal: Das ist kompliziert. Das Kino ruht - zu Recht oder zu Unrecht - in sich selbst, in seiner Geschichte, seinen großen Filmen, die es weiß Gott vorzeigen kann! Es ist gewissermaßen eine in sich geschlossene Welt, die nicht nach Veränderung strebt. Natürlich gibt es Ausnahmen: als Lars von Trier "Breaking the Waves" oder "LâHôpital" für das Fernsehen drehte, hat er viel bewegt. Ich mag seine Filme, seinen Stil. Das Kino benutzt den Comic nur, um ihn zu verformen und ein Filmprodukt daraus zu machen. Tim Burton zum Beispiel: er blättert in Comics, macht einen Film davon, und plötzlich sind sie geadelt, sind ein Kunstwerk, weil er sie neu gesichtet hat. Ich bin ganz anderes herangegangen. "Tykho Moon" ist die Summe meiner Erfahrungen als Autor - in diesem Fall als Comicautor -, und doch hat der Film nichts mit Comics zu tun. Ich habe einfach versucht, in diesem Umfeld und vor dem Hintergrund meiner Kreativ-Vergangenheit eine eigene Sprache zu finden. Für mich steht fest, daß "Tykho Moon" weniger mit Comics zu tun hat als Tim Burtons Filme. Mein Film entspricht eben nicht den üblichen Kulturkategorien - weder denen des Films, noch denen des Comics. Ich finde es interessant, beim Filmemachen von speziellen Bildwelten auszugehen, die von den gewohnten Codes abweichen. Mein Film lehnt sich eher ans Theater an. Ich bin da ganz untypisch. Aber in der Filmbranche dienen Comics nicht als Empfehlung. Sie sind nicht edel genug.

?: Sie haben auch mit Theaterleuten, mit Choreografen gearbeitet. Warum?
Bilal: Weil ich darum gebeten wurde (lacht)... Nein, es ist schon aufregend, Ballettproben zu verfolgen, diesen Körpereinsatz, es ist ein erlesenes Instrument, das Training, die Zusammenarbeit... wirklich faszinierend. Für den Zeichner ist es grafisch sehr anregend, die weiblichen und männlichen Körper zu studieren. Ich hatte danach noch größere Lust, Personen zu zeichnen. Das 21. Jahrhundert sollte Brücken schlagen zwischen den künstlerischen Genres. Jacques Attali nennt es Nomadentum, damit ist alles gesagt. Die Reisen im Kopf, geografische Ortswechsel, Surfen im Internet. Die Seßhaften sind zum Untergang verdammt. Ich bin auf meine Weise mobil, und ich weiß, das stört manche. Es ist unüblich, es verwischt das Image, meins und das der Welt im Ganzen. Wir sind in einer Umbruchphase, und ich gehöre eindeutig zu denen, die Staub aufwirbeln. Ich mag das.


© Pressematerial des Ehapa-Verlags Stuttgart