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Jan Tschichold
Erschienen
Meisterbuch der Schrift
08/99
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Ravensburg
240 Seiten / DM 68,--
Der Tod des Buches wurde schon oft postuliert, doch immer wieder zeigen sich Todgesagte als überraschend lebendig und populär. Egal ob Film, Fernsehen, Comics oder das Internet, das geschriebene Wort auch und besonders in der Buchform hat seinen Platz in der sich stetig wandelnden Medienlandschaft behauptet. So ist es vonnöten, sich mit der Qualität seines technischen Hauptbestandteils, der Schrift, einmal näher zu beschäftigen. Natürlich ist es die Hauptaufgabe der Schrift, lesbar zu sein, und das ist sie eigentlich immer. Aber es gibt auch hier Unterschiede, die einem vielleicht nicht sofort ins Auge springen, aber dennoch existent und beachtenswert sind.

Dem Leser die Augen gegenüber den Eigenschaften der Schrift und deren Verwendung zu öffnen ist das Anliegen dieses Buches. "Meisterbuch der Schrift" klingt altmodisch und ist es auch. Bereits 1952 erblickte dieses Werk das Licht des Buchmarktes. Seit damals ist viel geschehen, und der moderne Mensch geht oft nicht sorgsam mit altem Wissen, auch wenn es sich um die Pfeiler seiner Kultur handelt, um. Besonders das geschriebene Wort durchlebte eine rauhe Zeit. Moderne und unleserliche Schriften machten das Lesen zur Kunst, heutzutage besonders bei manchem Film-Abspann (zum Beispiel "Sieben" oder "Total Recall") oder bei trendigen Techno-Zeitschriften zu bemerken. Doch auch die ehrwürdige Tageszeitung ist im Sumpf der Rechtschreibprogramme in eine unsagbare Mittelmäßigkeit abgesunken und steuert wie ein Tiefsee-U-Boot neuen Rekorden der typografischen Bodenlosigkeit entgegen.

Der 64-seitige Text-Teil erläutert in einleuchtenden Beispielen den Unterschied zwischen guter und schlechter Schrift, sowohl was die Gestaltung der Buchstaben, aber auch was die Gestaltung des Textes - also das Zusammenspiel der Buchstaben - angeht. Eine gewisse Arroganz oder zumindest eine gehörige Abgehobenheit zeichnet den Stil des Textes aus, aber wo Herr Tschichold Recht hat, hat er Recht und darf das auch ruhig zelebrieren. Eignet man sich die Meinung des Autors an, wird man nicht umhin können, selbst zum Kritiker schlechten Schrifttums zu werden, das einem auf Schritt und Tritt begleitet. Erstaunlich ist die Tatsache, das solch ein alter Text auch heute noch Bestand hat, aber schrieb nicht schon Kanzler Kohl vor sechszehn Jahren den Text für die Kanzler-Rede von Schröder um die Probleme bei der Regierungsübernahme? Wahrheiten sind halt zeitlos!

Wir im Internet publizierenden haben noch die Ausrede, daß die Spezifikationen der HTML-Sprache uns Fesseln anlegen, die uns unsere Texte nicht besser gestalten lassen, doch auch hier kann man gute von schlechter Gestaltung unterscheiden (wir versuchen Besserung).

Ergänzt wird der Text von 176 ganzseitigen Schrifttafeln und Schriftproben. "Meisterbuch der Schrift" sollte eine Pflichtlektüre der Schaffenden rund um die Schrift sein.

 

Anmerkung der Rezensenten: Fast wäre bei der Definition der heutigen Qualität der Tageszeitungen der Vergleich mit Schülerzeitungen erschienen, doch sind leider manche Schülerzeitungen schon besser als die professionellen Vorbilder. Ein Grund, die einen zu loben und weiter anzuspornen und die anderen auf ihre mindere Qualität erneut hinzuweisen.