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Gerlinde Ortner
Erschienen
Märchen, die Kindern helfen
08/99
Geschichten gegen Angst und Aggression, und was man beim Vorlesen wissen sollte
Hardcove
Verlag Orac, Wien
170 Seiten, DM 29,80

Taschenbuch:
Deutscher Taschenbuch Verlag, München
144 Seiten / DM 12.90


Wer kennt es nicht, das allabendliche Quengeln "Ich will noch nicht ins Bett!", wen nervt nicht die ständige Auseinandersetzung um die Unordnung im Kinderzimmer, wer ist nicht frustriert von der ewigen Trödelei immer dann, wenn es schnell gehen soll... Eltern und andere Betroffene reagieren oft mit Hilflosigkeit auf "schwieriges" Verhalten von Kindern, zucken die Achseln, wissen sich keinen anderen Rat als gereizter und gereizter zu bitten, zu ermahnen, zu schimpfen. Zumeist ohne den geringsten Erfolg.

Gerlinde Ortner, eine Wiener Kinderpsychologin, bietet Betroffenen ihre Hilfe an, stellt neue und oftmals überraschende Methoden vor, mit Problemen umzugehen. Ihr geht es darum, Erwachsenen erst einmal zu erklären, was eigentlich in Kindern vorgeht. Was steckt hinter der kindlichen Furcht vorm Zahnarzt, vorm Nachbarhund, vorm Einschlafen? Warum spielt ein Kind den Clown, oder lügt, oder streitet sich ständig mit anderen? Erst mit diesem Verständnis können Eltern richtig reagieren.

Ausgehend von der psychologischen Theorie, daß alles Verhalten erlernt ist, zeigt die Autorin, worin die Ursachen des oft so unverständlichen Benehmens der kleinen Dickköpfe liegen kann. In einer kurzen Einführung erklärt sie, wie man sein Kind richtig motiviert und wie man vermeidet, bereits erlerntes Fehlverhalten noch zu festigen. An die folgenden den Kindern vorzulesenden Märchen schließt sich jeweils ein Teil nur für die Eltern an. Darin werden Anweisungen und Tips fürs gemeinsame Lesen und Besprechen gegeben, jedes Problem wird noch einmal extra erklärt. Selbst Themen wie Einnässen oder extreme Aggressivität, die komplexe und vielfältige Auslöser haben können und oftmals nur durch eine langfristige Therapie wirksam bekämpft werden können, werden nicht ausgespart. Entsprechend weist die Kinderpsychologin auch darauf hin, daß in schweren Fällen das Buch nur als hilfreiche Ergänzung zu einer Therapie genutzt werden sollte.

In märchenhaften Geschichten finden Identifikationsfiguren ihre eigenen Lösungen der bekannten Probleme. Die kleinen Antihelden sind gerade durch ihre Fehler und Schwächen so liebenswert, und staunend hört das Kind, welche Lösungsvorschläge sie sich ausdenken. Dabei wird die vertrauten Alltagswelt mit zauberhaften Elementen vermischt und die Phantasie der jungen Zuhörer angeregt. Ob Vera den Schlamper im Durcheinanderland besucht, Willi durch eine Wette mit dem Wichtigmännchen einen Monat nur noch Schimpfwörter benutzen darf oder die gefräßige Maus der appetitlosen Bettina alles wegfrisst – jede Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung und führt zu einem guten Ende. Dem Kind wird signalisiert, daß andere ähnliche Schwierigkeiten haben - Schwierigkeiten, die aber nie unlösbar sind. Gemeinsam mit dem Kind sollte dann die vorgelesene Geschichte besprochen und der Lösungsansatz auf die eigene Situation angewandt werden. Dabei ist die aktive Mithilfe und Mitarbeit der Eltern gefordert.

Bestimmt kein Allheilmittel, bestimmt nicht für jedes Kind und jedes Problem gleichermaßen geeignet, regt die Lektüre dieser "Märchen" dazu an, sich auf ganz neue Ansätze einzulassen, zu einem neuen Verständnis zu gelangen. Man muß allerdings anmerken, daß die Geschichten gerade für sehr kleine Kinder sprachlich zu anspruchsvoll sind, daß auch ältere es vielleicht schwierig finden werden, den Bezug herzustellen zwischen Märchen und eigenem Erleben. Durch Nacherzählen statt Vorlesen des Textes könnte man besser auf die Besonderheiten des einzelnen Kindes eingehen, ansonsten muß man eben in einem anschließenden Gespräch noch einmal ganz genau prüfen, ob die Zuhörer denn auch alles verstanden haben.

Weniger ein Erziehungsbuch für schwierige Kinder als vielmehre eine Hilfe für Eltern, die Probleme mit ihren Sprößlingen haben und sich auf therapeutische Ansätze und ein Verhaltenstraining gemeinsam mit ihrem Kind einlassen können.