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Unni Lindell
Erschienen
Der Knutschfleck
09/2000
Verlag Sauerlaender, Frankfurt/M.
202 Seiten / DM 26,80
Eigentlich hat alles gar nicht mit dem Knutschfleck angefangen.
A ls Stella den bekommt, da hat sie sich schon ganz tief in sich verkrochen, ist gar nicht mehr richtig da.

Der Knutschfleck. Das ist doch gar nicht der Anfang.
Die Verzweiflung begann schon viel früher. Mit der Krankheit der Mutter. Dem Tod. Dem Alleinsein. Der neuen Freundin des Vaters. Deren kleinem Sohn, dieser Nervensäge. Ganz plötzlich gehört Stella nicht mehr dazu. Nicht in der Clique, nicht zu Hause. Sie erkennt sich manchmal selbst nicht wieder. Seitdem die Mutter nicht mehr da ist, hat sich alles verändert. Verdunkelt.

Aber es gibt etwas, von dem sie träumt. Manne. Das sind kurze Momente des Glücks, doch Manne gehört zur Clique und beachtet sie nicht weiter. Stella träumt trotzdem weiter. Wird mutiger. Kommt Manne ein bisschen näher, wagt sich einen Schritt aus ihrer Einsamkeit heraus. Und wird enttäuscht, betrogen. Nicht von Manne, vom Rest der Clique. Aber etwas zerbricht. Sie kann endgültig nicht mehr. Fühlt überall nur noch Leere. Will weg. Bricht zusammen. Um sie herum Hilflosigkeit.

Stella muss zur Psychologin. Tora. Sie weiß nicht, was die von ihr wissen will. Will auch gar nichts erzählen. Aber irgendwann fängt sie doch an. Und Tora hört zu. Das Leben geht weiter. Fängt erst so richtig an. Vielleicht sind die anderen doch netter, als sie ihr erschienen. Vor allem Manne. Stella lernt mitzuteilen, wie es ihr geht. Versteht, dass nicht nur sie mit einer Verletzung fertig werden muss. Dass Schmerz dazugehört. Dass man ihn mir anderen teilen kann. Und irgendwann ist sie sogar ein bisschen stolz auf ihre Trauer. Auf sich. Auf ihr Leben. So wie es ist. Kompliziert und schön. Und ganz und gar nicht allein.

Unni Lindell zeichnet einfühlsam und unaufdringlich ein Bild der verstörten Stella.
Was zuerst wie ein ganz normaler Teeny mit dünner Haut und Liebeskummer wirkt, stellt sich bald als ernsthaft gefährdetes Mädchen heraus. Stella findet alleine keinen Weg aus der Einsamkeit und der Trauer. Ihre Signale sind deutlich, aber sie macht es anderen nicht leicht, an sie heranzukommen.

Anders als in Büchern mit ähnlichen Problematiken lässt Unni Lindell die übergroße Verzweiflung der Hauptperson nicht auf den Leser übergreifen.
Es gelingt ihr, Grausamkeit und Ungerechtigkeit zu beschreiben, ohne dabei eine düster Atmosphäre der Ausweglosigkeit zu erzeugen.
Stellas Trauer und ihre Ohnmacht werden ernst genommen, ohne dabei ihren pessimistischen Weltblick zu übernehmen.
Die lähmende Hilflosigkeit wird Schritt für Schritt überwunden.
Was bleibt, ist Lust am Leben.

Auch der Versuch der Autorin, Stellas Handlungen als selbstverständlich und nachvollziehbar zu schildern, ist bemerkenswert. Ganz nebenbei beschreibt sie die Auswirkungen der Verzweiflung, aber nie scheint die Grenze zur Krankheit eindeutig überschritten. Nie kann man sich kopfschüttelnd daneben stellen und behaupten, das sei jetzt aber völlig unverständlich. Rückzug und Trotz, Umgang mit Tod und mit Liebe scheinen extrem, aber erst im Nachhinein wird sichtbar, wie eng sich Stella schon in ihrer eigenen Dunkelheit verstrickt hat. Stellas Rückkehr zum Leben geschieht nicht plötzlich. Es ist ein mühsamer Prozess, der vielleicht trotzdem noch ein bisschen zu einfach dargestellt wird. Die Liebe der Mutter hilft genauso dabei wie die Liebe zu Manne.
Wichtig ist auch, dass niemand für Stellas Zusammenbruch verantwortlich gemacht wird. Aber alle ändern sich ein bisschen. Und lernen dazu.

Trotz der schwierigen Thematik ein Buch, das man gerne liest. Es vermittelt Schmerz, ohne sentimental zu werden, weckt Hoffnung, ohne zu übertreiben. Und wenn man die letzte Seite erreicht, weiß man, dass mit dem erzählten Ende die Geschichte nicht aufhört.
Denn das Leben geht weiter.