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Jörg Müller/Jörg Steiner
Erschienen
Der Bär, der ein Bär bleiben wollte
09/2000
Verlag Sauerländer, Frankfurt/M.
36 Seiten / Dm 28.--
Was macht ein Buch zum Kinderbuch? Mit anderen Worten: Ist ein Buch mit relativ wenig Text und vielen bunten Bildern automatisch ein Buch für Kinder?
"Der Bär, der ein Bär bleiben wollte" ist ein Bilderbuch. So weit, so gut.

Aber für wen? Mann kann sich nur schlecht vorstellen, es einem Kind im Bilderbuchalter vorzulesen.
Zumindest nicht, ohne dann hinterher den Kommentar "Das war aber blöd" zu hören.

Die Absicht, ein anspruchsvolles Buch zu gestalten, ist gut. Das Thema wichtig. Aber in dieser Form wohl nicht ganz geeignet für Jüngere. Denn als Zielgruppe eines derartig gestalteten Bilderbuches gelten wohl eher Kinder - der Verlag gibt das zielalter mit "ab 5 Jahren" an.

Wie viele Jugendliche oder Erwachsene - die zweifelsohne die besseren Ansprechpartner für ein derartiges Thema wären - kaufen sich ein Bilderbuch? Natürlich, auch die mag es geben (wenn auch vor allem in der Funktion wohlmeinender Eltern.). Und die können von dem Buch auch durchaus begeistert sein.

"Der Bär, der ein Bär bleiben wollte" ist eine beeindruckende und nachdenklich stimmende Geschichte über die Anonymität und die Funktionalisierung unserer Zeit.

Die Geschichte basiert auf einem halbstündigen Zeichentrickfilm von Frank Tashlin aus dem Jahr 1967. Anscheinend eine inspirierende Vorlage - Jörg Müller und Jörg Steiner machten daraus ein Bilderbuch, der Liedermacher Reinhard Mey schrieb nach diesem Buch ein gleichnamiges Lied, das genau den Inhalt wiedergibt: Ein Bär, der aus seinem Winterschlaf erwacht, stellt fest, dass direkt vor seiner Höhle eine Fabrik errichtet wurde.
Bevor er sich noch von seinem Staunen erholt hat, wird er schon als Faulpelz beschimpft und bis zum Direktor geschleppt. Niemand will ihm glauben, dass er ein Bär ist, alle sehen in ihm nur den unrasierten Fabrikarbeiter, der sich mit einer dummen Ausrede vor der Arbeit drücken will.

So wird er in Arbeitskleidung gesteckt, muss sich das Fell aus dem Gesicht rasieren und seine Zeit an einer Maschine absitzen. Doch als der nächste Herbst kommt und mit ihm die Zeit für den Winterschlaf, ist der müde Bär als Arbeiter nicht mehr zu gebrauchen. Er wird entlassen und tappt planlos hinaus in die Kälte. Vergebens versucht er, sich daran zu erinnern, was er jetzt tun sollte. Er weiß nur, dass er etwas ganz Wichtiges vergessen hat.

Das Ende ist im Bilderbuch nicht ganz eindeutig. Man kann, wenn man optimistisch sein will, die Spuren im Schnee so interpretieren, dass der Bär sein Bärsein wieder erinnert hat und sich in eine Höhle zum Winterschlaf verkrochen hat. Man kann aber auch pessimistischer sein und - wie Reinhard Mey in seinem Lied - den erfrorenen Bären vor der Höhle unter einer Schneewehe erahnen.

Selbst wenn man optimistisch ist, selbst wenn man die Geschichte und die zugrundeliegende Thematik mit dem Kind bespricht: Dieses Bilderbuch ist schwer verdaulich. Denn auch wenn es das eigentliche Thema nicht ganz begreift, spürt das Kind die vermittelte düstere Atmosphäre sehr wohl und leidet unter der ausweglosen Situation des Bären.
Und am Ende kommt eben diesmal nicht alles wieder in Ordnung.

Außerdem muss man bedenken, dass die Vorstellung der Anonymität und mangelnden Individualität, der stupiden Fabrikarbeit und der Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Bedürfnisse heute nicht mehr so viel Diskussionen auslöst wie noch vor dreißig Jahren. Das Thema Entfremdung in der Arbeitswelt gehört nicht mehr zu denen, die heute als brennend aktuell empfunden werden.

Auch die ganze Aufmachung des Buches zeigt deutlich den Einfluss der sechziger Jahre. Wäre das Buch, das 1995 in der 10. Auflage herausgegeben wurde, in den letzen zehn Jahren entstanden, sähe es sicherlich anders aus. Aber: Vermutlich wäre es in den letzten zehn Jahren gar nicht geschrieben worden.

Von allen kritischen Bemerkungen abgesehen hat Jörg Steiner den Text detailliert illustriert und sehr anschaulich umgesetzt. Keine Szene hat er ausgelassen, und wer in der Anonymität des von ihm dargestellten Fabrikalltags angesichts der bleichen, gleichgültigen Arbeitergesichter nicht die herrschende Unmenschlichkeit spürt, muss schon sehr abgehärtet sein. Um so größer wirkt der Kontrast zu den harmonisch und beinahe paradiesisch wirkenden Ausgangsbildern der unberührten Natur. Er schafft eine Atmosphäre, der man sich nicht so leicht entziehen kann.

Ein Buch, das es einem nicht leicht macht, zu einer objektiven Bewertung zu gelangen. Letztlich muss sich natürlich jeder selbst sein Urteil bilden.
Klar bleibt allerdings: Es ist nicht mehr ganz zeitgemäß und alles andere als kindgerecht.