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Michael Cadnum
Erschienen
Unsichtbarer Fall
12/99
Middelhauve Verlags GmbH, München
176 Seiten / DM 29,80
"Breaking the fall" - so heißt der Roman ursprünglich auf Englisch. Und genau darum geht es: Dem wahnwitzigen Kreislauf der Selbstzerstörung zu entrinnen bevor es zu spät ist.

Stanleys Leben scheint vielleicht auf den ersten Blick normal. Doch in Wirklichkeit sucht er ständig nach einer Möglichkeit, der erdrückenden Atmosphäre zu Hause zu entfliehen.
Seine Eltern verbringen viel Zeit bei der Arbeit und selbst in den seltenen gemeinsam Momenten können sie die Spannungen zwischen ihnen nicht überspielen. Dennoch verraten sie ihm mit keinem Wort, wie dicht sie vor einer Trennung stehen.
Freunde hat er nicht. Nach einer Verletzung wurde er vom Baseballteam der Schule ausgeschlossen, es gibt bessere, motiviertere, muskulösere Spieler.

Was bleibt ihm nun? Stanley kann Jared einfach nur bewundern, den gutaussehenden, selbstbewussten Einzelgänger, der sich alles traut. Zumal er bei ihm ein Stück der Freundschaft findet, die er sucht.
Viel ist es nicht, eher ein ständiges Sich-Beweisen-Müssen - aber immerhin, er kann zeigen, dass er etwas wert ist. Dazu verlangt Jared allerdings, dass Stanley bei einem Spiel mitmacht. Und Spiel bedeutet für ihn: Nachts in fremde Häuser eindringen - bewohnte, versteht sich - und ein Beweisstück mitnehmen.
Stanley ist sich nicht ganz sicher, ob er das will, ja, ob er das kann, aber für Nachdenken bleibt in Jareds Gesellschaft keine Zeit, nur für Handeln.
Also handelt er.
Und auf einmal spürt er angesichts der Gefahr ein so intensives, pulsierendes Lebensgefühl, dass er beinahe sogar Gefallen findet an dem, was ihn gleichzeitig abstößt und zu Tode ängstigt. Er lebt, und er hat Macht über seinen Körper, über das eigene Leben, über das Leben anderer.

Doch dann wendet sich plötzlich alles, als Stanley die Chance erhält, endlich Sky besser kennenzulernen - das Mädchen, das in seinen Träumen einen großen Platz einnimmt. Sie zeigt tatsächlich Interesse an ihm, lässt Hoffnungen wachsen. Denn sie führt ein Leben, das ihm fremd ist, ein Leben, das ihn anzieht, ein Leben, das plötzlich auch für ihn in greifbare Nähe rückt.

Aber wie wird er Jared los, der ihn nicht so einfach gehen lassen will, der alles versucht, um ihn unter Druck zu setzten? Der ihn vielleicht auch braucht, egal, wie cool er tut. Wie wird er seine Vergangenheit los, die nächtlichen Einbrüche? Wie kommt er damit klar, dass seine Mutter auszieht? Und plötzlich reagiert sein Vater zunehmend misstrauisch auf sein merkwürdiges Verhalten...

Kann man ausbrechen aus dem freien Fall, aussteigen aus einem immer schneller rollenden Zug? Michael Cadnum schreibt selbst über das Buch: "Als ich diese Geschichte schrieb, habe ich meine eigene Liebe zur Gefahr - und meine Furcht davor - ausgelotet. Es gibt etwas in uns, das will, dass wir fallen, und etwas anderes, das will, dass wir am Leben bleiben."
Dieses Gefühl der Gefahr, des Atemanhaltens, der gesammelten Konzentration, wird packend beschrieben, man gerät so sehr mit hinein in den Sog des Geschehens, dass die Beklemmung greifbar wird. Der Sturz atmet Bedrohung, gerade duch die greifbar Nähe des Todes wird das Leben wieder weniger erdrückend.

Ein Jugendbuch nicht nur für Jugendliche, ein Buch gerade auch für alle die, die manchmal den Kopf schütteln über das unverständliche Verhalten der heutigen Jugend. Es werden keine voreiligen Schlüsse gezogen, keine Kausalzusammenhänge hergestellt, keine Anklagen vorgebracht. Es wird einfach beschrieben, wie Stanley sich kopfüber in rasender Geschwindigkeit nach untern stürzend wiederfindet, ehe er noch begriffen hat, dass er den Halt schon längst verloren hat.

Michael Cadnum garantiert kein reines Lesevergnügen, keinen Unterhaltungsroman zum Abschalten und Träumen. Es stellt sich die Frage, ob man sich deprimieren lassen muss - und will - vom Gefühlsleben eines Teenagers, der verzweifelt versucht, seine Empfindungen auszuschalten.


Man versteht den Sinn der Welt nicht besser nach dieser Lektüre, aber man bekommt vielleicht einen neuen Blick auf sein eigenes Leben - und vielleicht ein wenig mehr Verständnis für alle Stanleys, die haltlos ins Leere fallen.

Und ganz bestimmt spürt man wie selten die volle Bedeutung der Worte "nach Hause".