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Erschienen
Prestel Kunstspiel
10/1998
Prestel Verlag, München
Gesellschaftsspiel für 3-7 (oder mehr) Spieler von 12 bis 99 Jahren / DM 78.-
"Wissen ist gut, Phantasie ist besser", so preist der Münchner Prestel Verlag sein "Kunstspiel" an.  Was sich hinter diesem zunächst wenig griffig klingenden Titel verbirgt, ist spannende und zugleich unglaublich lehrreiche Kurzweil für 3 bis 7 (oder mehr) Spieler ab 12 Jahren.

Zunächst ist die Aufmachung zu loben: Enorm bunt ist nicht nur der Spielplan, sondern sind auch die aufwendig produzierten Fragenkarten. Farbpaletten für jeden Mitspieler, colourierte Holzchips und Holzfigürchen runden das Spiel mit den Tönen ab.

Dabei spielt man allerdings nicht mit einer eigenen Figur, sondern alle Mitspieler ziehen die drei unabhängig voneinander wichtigen Spielfiguren über das Brett. Die größte entscheidet über die "Art" des Spiels: Wissensfragen wechseln sich ab mit Worterklärungs- oder Malaufgaben, wie sie aus dem Klassiker "Activity" bekannt sind oder mit einem "Steigerspiel" das sehr an "17 und vier" erinnert.

Auf diese Art und Weise entrinnt das "Kunstspiel" der "Trivial-Persuite-Falle": Es kommt nicht allein darauf an, die Wissensfragen aus dem weiteren Bereich der Kunst zu beantworten. Denn diese - und das eint den Zwölfjährigen Kunstlaien mit dem Vierundfünfzigjährigen "Kenner" - sind selbst für echte Kunstfreunde nur sehr schwer zu beantworten: Oder hätten sie gewusst, ob es wahr oder unwahr ist, dass der naive Maler Henri Rousseau (1844-1919) mit 40 Jahren in Pension ging, um sich ganz der Malerei zu widmen? (Wahr!) Immerhin, auch die Wissensfragen werden mit einem gewissen "Gnadenfaktor" versehen: Bei den Entscheidungsfragen bleibt eine statistische Chanche von 50%, bei den übrigen Fragen durch Multiple-Choice eine Trefferwahrscheinlichkeit von 33%.

Aber es sind ohnedies nicht die Wissensfragen, die das "Kunstspiel" interessant machen (auch wenn man beim Durchspielen leider feststellen muss, dass man nur allzu oft an eine von ihnen gerät). Vielmehr sorgen die übrigen "Spiele", die integriert sind, für Spannung, heiße Diskussionen und manch verblüffende Erkenntnis: In der "Quasselstrippe" muss ein Begriff der Kunst ohne die Verwendung des eigentlichen Ausdrucks erklärt werden - eine Hommage an das unschlagbare "Tabu". Oder die Aufgabe lautet, ein Begriff wie "Portrait", "Aktmodell" oder "Würfel" muss zeichnerisch erklärt werden.
Höhepunkt der Spielfreude aber sind die beiden eingebauten "Psychospiele", das "Tippspiel", bei dem Antworten zu Werken der Kunst den Mitspielern zugeordnet werden müssen, und die "Gedankenblitze", bei denen es darauf ankommt, zu einem bestimmten Kunstwerk oder Begriff gleiche Assoziationen mit den Mitspielern zu finden.

Bei den beiden letztgenannten Spielen, teilweise aber auch bei den Wissensfragen kommen die "Bildkarten" zum Zuge: Sehr gut gemachte Drucke von bekannten Werken der bildenden Kunst, die ein tieferes Verständnis und eine umfangreichere Kenntnis für und über die Kunst als solcher vermitteln.

Kleines Beispiel gefällig?



Zum oben abgebildeten Werk des Renaissancemalers Tiziano Vecellio lauten die Fragen/Spiele:

Wie wird dieses berühmte Gemälde Tizians genannt?
a) Venus von Urbino
b) Das Gewitter
c) Salome

Was sucht die Magd wohl in der Truhe? Notieren Sie drei Gegenstände.

Tippspiel: Worüber denkt die Schöne nach? Notieren Sie Ihre Erklärung.

 

Keine Frage: Das "Prestel Kunstspiel" garantiert viele spannende, unterhaltsame Stunden und ist in jedem Detail eine geglückte Umsetzung des wahren Spielgedankens.
Es gibt nur eine Ausnahme: Das wirklich gut gemeinte Gimmick des "Entlarvers" ist nur wenig hilfreich - Fragen sollen eigentlich vom Mitspieler selbst vorgelesen werden (wichtig, um beipielsweise Namen usw. richtig zu verstehen). Damit die Lösung auf der gleichen Karte abgedruckt werden kann, sind blaue Buchstaben (für die Lösung) mit roten Zeichen überdruckt, die unter Zuhilfename des "Entlarvers", einer simplen roten Plastikkarte, ausgelöscht werden können (einfacher aber sehr wirksamer optischer Effekt) - schon kann die Lösung betrachtet werden. Leider ist das (nicht nur bei Rot-Grün-Farbenblindheit) auch ohne den "Entlarver möglich. Also muss die Frage doch wieder von einem Gegenüber vorgelesen werden. Und dann ist der Umstand, dass für ein möglichst einfaches Lesen der Lösung doch der "Entlarver" nötig ist, eher lästig.

Als "Learner" gibt es als kleine Zugabe ein Begleitbändchen, in dem alle "100 Meisterwerke" der Bildkarten mit einem kurzen Text vorgestellt werden.


Das "Prestel-Kunstspiel" gehört in jeden Spieleschrank.