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David Clay Large
Erschienen
Hitlers München
Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung
10/99
C.H. Beck-Verlag, München
515 Seiten / 49,80 DM
Der amerikanische Historiker David Clay Large erzählt in "Hitlers München" die Politik- und Kulturgeschichte der bayrischen Landeshauptstadt, ausgehend von der Prinzregenten-Ära (1886-1912) bis zur Zerstörung der Isarmetropole und dem Untergang des nationalsozialistischen Terrorregimes im Zweiten Weltkrieg.

Large versucht dabei die Frage zu beantworten, warum ausgerechnet das im 19. Jahrhundert so vielgepriesene "Isar-Athen" zum Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Bewegung wurde.

Der Autor vermittelt dem Leser bei der Beantwortung der Frage ein Bildnis Münchens, welches mit den gängigen Stereotypen der gemütlichen, weltoffenen Stadt nicht mehr viel gemeinsam hat.
In Larges Augen besteht eine wichtige Kontinuität Münchens über die Bruchstellen der Geschichte wie Erster Weltkrieg, Revolution und Rätediktatur, Weimarer Jahre und Drittes Reich hinweg in seinem dumpfen Antisemitismus, in Fremdenfeindlichkeit und Wehleidigkeit über das Gefühl der ständigen Benachteiligung gegenüber den "Preußen". Diese Mentalität und Stimmungslage bildete nach seiner Ansicht den Nährboden für den nationalsozialistischen Sumpf und machte München zur "Hauptstadt der Bewegung".
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 sei zwar von der deutschen Hauptstadt Berlin aus regiert und der Zweite Weltkrieg entfesselt worden, München sei aber für die Nationalsozialisten die "geistige" Hauptstadt geblieben.
Von München habe die "Reichskristallnacht", das Pogrom, das die Nationalsozialisten an die Juden ausübten, ihren geplanten Anfang genommen, in München habe die nach der Stadt benannte Konferenz zur Zerstückelung der Tschechoslowakei stattgefunden. Das alles sind Tatsachenwahrheiten.

Aber die Münchner Bevölkerung in einer nicht allzu großen Differenziertheit als fremdenfeindlich hinzustellen?
Da kommen zumindest beim deutschsprachigen Leser schon einige Zweifel auf.

Dem Buch wäre es vielleicht dienlicher gewesen, den amerikanischen Originaltitel: "Where Ghosts Walked. Munichs Road to the Third Reich" nicht mit "Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung" zu übersetzen. Dem interessierten Leser fällt beim Titel seine Ähnlichkeit mit dem vor einigen Jahren von Brigitte Hamann erschienen Buch "Hitlers Wien" auf. Die Titelauswahl lädt dem Leser zum Vergleich mit Hamanns Buch ein. Ein Vergleich, dem Larges "Hitlers München" nicht standhalten kann.

Während Brigitte Hamann detailliert herausarbeitet, welche Ideen und Menschen Hitler geprägt haben und wie sich die Vielseitigkeit der K.u.k.-Hauptstadt Wien mit seinen unterschiedlichen Bevölkerungsschichten auf den Sozialisierungsprozess des späteren Diktators ausgewirkt hat, listet Large eine Menge von Einzelheiten auf, ohne sie miteinander zu verbinden.

Beim Lesen von "Hitlers München" kann man sich nur schwer der Oberflächlichkeit und Einseitigkeit des Werkes entziehen, die Menschen wie zum Beispiel den berühmten Volkssänger Weiß Ferdl oder auch Literatur-Ikone Thomas Mann (bis 1933) in einem äußerst negativen Licht erscheinen lassen.

Large erwähnt zwar auch die Taten des Widerstandes gegenüber der Hitler-Diktatur wie die eines Georg Elsers oder der Weißen Rose. Dies geschieht aber in äußerst geringem Umfang.

Bei der breit angelegtem Beschreibung Münchens als Hort der dumpfen Ideologien, Intoleranz und von ausgeprägtem Rasseantisemitismus ist es schon erstaunlich, dass dann der Leser fast nebenbei erfährt, dass die Nationalsozialisten in München und Bayern bei allen Wahlen im Vergleich zum übrigen Deutschland unterdurchschnittlich abgeschnitten haben.

Für Leser, die sich für die Geschichte der Schwabinger Kulturszene, die Geschichte des Satiremagazines "Simplicissimus" und des politischen Kabarett um die Wende zum 20.Jahrhundert interessieren, ist "Hitlers München" dagegen sehr zu empfehlen.