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Henrik Ibsen
Erschienen
Gespenster - Ein Familiendrama in drei Akten
10/1999
Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart
96 Seiten / € 2,60
Was verstehen wir heute unter Gespenstern?
Diese weißen Flatterwesen, die kettenrasselnd und "Buhuuuuuuuuu" rufend durch Schlösser, Burgen und sonstige alte Gemäuer spuken?
Oder ist das inzwischen überholt?

Nun, Henrik Ibsen beschreibt schon 1881 in seinem Drama eine etwas andere Auffassung von Gespenstern:
"Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster [...]. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches."
Und natürlich alte Schuld, alte Fehler, alte Ängste, alte Erwartungen.

In Ibsens Familiendrama erfahren wir nach und nach die traurige Geschichte der Helene Alving, Hauptperson des Stücks. Von ihrer Familie zu einer Heirat mit dem wohlhabenden Kammerherrn Alving gedrängt, wird der jungen Frau schnell klar, dass sie ihren Mann, der sich in zahlreichen Ausschweifungen ergeht, nicht lieben kann.
Da sie seinen ruchlosen Lebenswandel nicht erträgt, flüchtet sie zum Pastor, ihrer Jugendliebe - doch der schickt sie zurück und erinnert sie an ihre Pflichten als Ehefrau.
Nach außen hin erscheint die Ehe intakt, ahnt niemand etwas von Alvings Vergnügungen, die in einer Beziehung zum Hausmädchen gipfeln. Helene tut alles, damit nichts nach außen dringt. Selbst vor ihrem Sohn, den sie so früh wie möglich ins Ausland schickt, hält sie die Wahrheit geheim, bemüht sich, in ihm das Bild des perfekten Vaters wachzurufen.
Auch nach Alvings Tod verschweigt sie weiterhin, was sie die Jahre über erdulden musste, hält seinen Ruf unbefleckt.
Doch sie ahnt nicht, dass die alten Gespenster sie heimsuchen werden, dass ihr Sohn bereits erste Anzeichen einer Gehirnparalyse zeigt - das Erbe des an Syphilis erkrankten Vaters.

Vieles erscheint uns heute, mehr als hundert Jahre nach Erscheinen des Dramas, sehr fremd. Unsere Gesellschaft hat sich gewalndelt.
In einer Zeit, in der jede dritte Ehe geschieden wird, fällt es schwer, die damaligen gesellschaftlichen Zwänge in ihrer ganzen Tragweite nachzuvollziehen. Dennoch wirft das Drama auch heute noch einige interessante Fragen auf. Wieviel sind wir bereit, in einer Beziehung zu ertragen? Wie wichtig ist uns das, was die Gesellschaft von uns denkt; was vertuschen wir, um nicht ins Gerede zu kommen? Wie leben wir mit den Erwartungen unserer Gesellschaft? Wie reagieren wir auf gescheiterte Ehen? Wieviel Wahrheit muten wir unseren Kindern zu? Und - hat sich wirklich schon so viel geändert? Können wir uns heute nicht auch Situationen vorstellen, in denen der Druck auf einen Ehepartner so groß ist, dass er den eigenen Wünschen zum Trotz den Schein wahrt, die Familie schont, den Erwartungen gerecht wird?


Ein Drama, das nicht mehr so schockierend ist wie zu seiner Entstehungszeit, aber immer noch auf eine sehr direkte Weise die (damaligen?) gesellschaftlichen Mängel und Grausamkeiten anprangert.

Und Gespenster kennen wir heute immer noch.