2017
 
 
 

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Avi
Erschienen
Jenseits des großen Meeres 1: Die Flucht
10/99
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Ravensburg
320 Seiten / DM 29,80
Irland 1851: Maura und Patrick O´Connells Familie wird von ihrem Land vertrieben, weil sie zu arm ist, um dem englischen Landlord Kirkle die Pachtzinsen zu bezahlen. Die beiden Jugendlichen beschließen, ihrem Vater nach Amerika zu folgen, die Mutter weigert sich, die Heimat zu verlassen.

London: Der zehnjährige Laurence Kirkle hat ständig Streit mit seinem älteren Bruder Albert, der von Rechts wegen Erbe ist und über den Jüngeren gebieten kann. Auf Grund der unerträglichen Behandlung beschließt Laurence, nach Amerika auszureißen - mitsamt tausend Pfund seines Vaters, die er - nichtsahnend, um was für eine enorme Summe es sich handelt - als Bargeld für die Reise mitnimmt.

Liverpool: Hier treffen die beiden irischen Auswandererkinder, die von ihrem Vater das Geld für die Überfahrt geschickt bekommen haben, auf den verzweifelten jungen Lord. Dem hat man sein Geld schon nach wenigen Stunden gestohlen, er wird von einem Privatdetektiv seines Vaters gesucht und soll auf Befehl seines Bruders von dem zwielichtigen Geschäftsmann Clemspool ohne Wiederkehr ins Ausland eskortiert werden.
Der Auswanderergruppe schließt sich noch der arbeitsloser Schauspieler Drabbel an. Doch es tauchen immer mehr ungeahnte Schwierigkeiten auf, sogar die Polizei und eine berüchtigte Liverpooler Straßengang suchen bereits nach Laurence. Wird die Flucht gelingen?

Avi versteht es sehr geschickt, die Geschichten der verschiedenen Hauptpersonen miteinander zu verweben und zu verknüpfen. Immer wieder neue Charaktere und Schauplätze tauchen auf, immer verzwickter und verwickelter wird die Geschichte, immer auswegloser erscheint die Situation, bis dann ganz plötzlich eine völlig unerwartete Wende eintritt und der Verfolger zum Verfolgten wird, Feind zu Freund und umgekehrt. Nicht selten verpassen sich die unterschiedlichen Parteien nur um Haaresbreite - oder sie treffen unerwartet aufeinander und neue Bündnisse und Interessensgruppen entstehen.
Der Leser weiß immer, was der Gegner vorhat, ist über jede Gefahr unterrichtet und dennoch bleibt die Spannung bestehen. Denn wie ahnungslos sind die unerschrockenen jungen Helden und wie oft rettet sie nur der Zufall oder ein gütiges Schicksal vor dem scheinbar Unvermeidlichen.

Auf den ersten Blick erscheinen die Figuren sehr klischeehaft: der verzogene reiche junge Lord, die hart arbeitende, hübsche junge Irin, ihr impulsiver kleiner Bruder mit dem großen Herz oder der egoistische, arrogante Albert. Aber je mehr sie im Lauf der Geschichte ein Eigenleben entwickeln, sich aus diesen Schubladen befreien und ein eigenes Gesicht zeigen, desto mehr laden sie ein zum Mitfiebern und Daumendrücken.

Ein Buch, für das ich vor zehn Jahren eine schlaflose Nacht in Kauf genommen hätte - denn wer kann schon einschlafen, solange er noch nicht weiß, wie es Maura, Patrick und dem jungen Sir Laurence weiter ergeht?
Umso gemeiner dann das offene Ende des ersten Bandes, das Appetit macht auf mehr und keineswegs die Spannung senkt. Wie gut, dass in Deutschland wenigstens der zweite Teil gleichzeitig mit dem ersten erscheint. So wird wenigstens die Wartezeit nicht zur Folter.

Übrigens: Mir sind doch die Augen zugefallen, bevor ich die restlichen zweihundert Seiten verschlingen konnte. Man wird eben älter.
Aber es ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, dass niemand an meinem Bett erschien und das Kommando "Licht aus!" gab.
Denn erst das wäre die richtige Voraussetzung, um dieses Buch wirklich zu genießen.