2017
 
 
 

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Loisel / Sternis
Erschienen
Pyrenea
10/99
Ehapa Verlag, Berlin
68 Seiten / DM 24,80
Bei der Umsetzung ist ein nicht alltägliches Comic entstanden, in dem es um Menschwerdung geht.

Dabei sind die Charaktere nicht nur lieb und gut, sondern dürfen durchaus auch negative Züge haben. Der Leser erlebt einige Augenblicke im Leben eines kleine Mädchens, das ohne erwachsene Menschen in der Abgelegenheit der Pyrenäen unter der Obhut eines Bären, eines Fuchses und eines Adlers seinen Platz sucht. Der Bär ist impulsiv, gütig und immer an der Seite der Kleinen. Gemeinsam erkunden sie nicht nur die Umgebung, sondern auch verschiedene Gefühle.

Das Hardcover-Album beginnt mit einem Rückblick. Ein Feuer in einem Zirkus zwingt einen Bären zur Flucht. Auf seinem Weg durch eine vom Krieg gezeichnete Landschaft trifft er auf ein einsames Kind, das allein in den Trümmern spielt. Zusammen lernen sie das Leben, wobei der Bär den ruhenden Pol bildet. Pyrenea ist eigensinnig und impulsiv, ständig auf dem Sprung etwas Neues zu entdecken. Liebe, Respekt vor dem Leben oder Gefangenschaft sind Themen ihrer Gespräche.
Gleich zu Beginn kann die Geschichte mit einer Szene beeindrucken, in der Bär und Mädchen nebeneinander auf einem Stein sitzen. "Meinst Du, man könnte uns verwechseln?". Dieser kleine Ausschnitt macht die Grundstimmung der Geschichte deutlich. Im zweiten Teil des Albums ist es der Adler, der die Leitfigur übernimmt. Blind wie er ist, lehrt er das Kind zu sehen.

Die Bilder sind anders als die Story: Einfach lieb. Ein einfacher Strich, zusammen mit schönen Farben malen eine heile Welt. Selbst die Ketten, die den Bären gefangen halten, wirken leicht. Die bunten Farben machen immer schönes Wetter, sogar der Winter lässt es einem warm ums Herz werden. Manche Bilder entfernen sich durch ihren Kohlezeichnungs-Charakter vom typischen Comic-Bild. Die Zeichnungen wirken eher wie Kinderbuch-Illustrationen.

In zwei Szenen wird die Geschichte hart, zu Beginn beim Rückblick und später, als Pyrenea dem Bären aus Trotz die Ketten wieder anlegt. Hier ändert sich kurz der Ton, den die Bilder sprechen. Sternis lässt die Tiere Grimassen ziehen, lässt sie lächeln und sich ärgern. So widersprechen sich die Bilder und die Geschichte.

Es bleibt die Frage, wer an diesem Comic seine Freude haben wird. Für kleine Kinder sind die Gestalten zu echt. Durch die eher realistischen Charaktere mit guten und bösen Eigenschaften ist es für die ganz jungen Leser eher schwer, Standpunkte zu erkennen oder zu ergreifen. Für diese Zielgruppe hat diese Geschichte eher den "Lindenstraßen-Effekt" - gelesen, weggelegt und vergessen. Das begründet sich nicht in der engagierten Geschichte sondern eher in der Schwierigkeit, das Gelesene zu verarbeiten, da zu differenziert (eigentlich eine wünschenswerte Eigenschaft von Geschichten).
Jugendlichen wird die Action fehlen, falls sie trotz des hohen, wenn auch gerechtfertigten, Preises von knapp 25 Mark zugreifen sollten.
Aufgeschlossene Pädagogen werden diese Geschichte wohl lieben, doch ist der Mensch mit fortgeschrittenem Alter ab 20 meist nicht mehr in der Lage, sich guten Gedanken, die dem erlernten Verhalten widersprechen, unterzuordnen.
Für die Produzierenden und Kreativen bleibt die Frage, wie man die Menschwerdung mit guten Gedanken unterstützen kann, weiterhin schwer zu beantworten.

"Pyrenea" ist ein gut gemeinter und schön gemachter Versuch, dem man viele Leser wünschen kann.