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Luitgard Brem-Gräser
Erschienen
Familie in Tieren
02/2000
Die Familiensituation im Spiegel der Kinderzeichnung
Ernst Reinhardt Verlag GmbH & Co KG, Münc
149 Seiten + Bildbeilage


Der am häufigsten angewendete Standardtest in der psychiatrischen Praxis ist ohne Zweifel die "Familie in Tieren", ein von der Diplom-Psychologin und Professorin an der Münchner Fachhochschule im Fachbereich Sozialwesen Prof. Dr. phil. Luitgard Brem-Gräser Mitte der 50er Jahre entwickelter Test.

Bereits in die siebte Auflage geht ihre umfassende Auseinandersetzung und Vorstellung dieses diagnostischen Mittels im Reinhardt-Verlag.

Auf rund 150 Seiten beschreibt Brem-Gräser zunächst ihre Erfahrungen aus der Konzipierungs-Phase des Tests, seine grundsätzliche Eignung zum psychologischen Diagnoseinstrument - sein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Verfahren: "Ohne spezifisches Testmaterial speziell auf die Familie gerichtet zu sein".

Verifiziert wurde die denkbar einfache Methode - das Kind erhält die simple Anweisung: "Du kennst doch Märchen, da werden oft Menschen in Tiere verwandelt und umgekehrt. Stelle Dir einmal vor, Deine Familie wäre eine Tierfamilie und zeichne Euch alle, natürlich auch Dich selbst, als Tiere. Nummeriere bitte die Reihenfolge, nach der Du zeichnest und schreibe unter jedes Tier, wen es darstellen und was für ein Tier es sein soll. Es kommt nicht darauf an, dass Du besonders schön zeichnest, sondern nur darauf, was Du darstellen willst." - anhand mehrerer Studien und Auswertungsverfahren, in deren Rahmen zum Einen die konkrete Zuordnung bestimmter Charaktereigenschaften zu einzelnen Tieren festgestellt werden konnte, zum Anderen die praxisorientierte Anwendung untersucht wurde.

So wurde von 2000 Kindern, die die Aufforderung der "Familie in Tieren" erhielten, der Elefant in mehr als 10% der Fälle dem Vater zugeordnet - die Mutter kam nur in 59 Fällen elefantös daher. Als typische Charaktereigenschaften gaben die Kinder am häufigsten an: Stark, kräftig, gescheit, talentiert, arbeitswillig, folgsam, zutraulich, musikalisch, verträglich, gutmütig, treu, spielerisch, langrüsselig, aber auch zerstörfreudig, habgierig, reizbar, verfressen, eigensinnig und dick.
Diese Charaktereigenschaften, die sich - das haben Forschungen bewiesen - auch über kulturelle Gräben hinweg durchziehen, leiten sich meist aus der Verwendung von Tieren als Persönlichkeitsträger in Fabeln und Geschichten ab. Auch diesem Thema hat die Autorin ein Kapitel gewidmet.

Wichtig bei der Deutung der Kinderzeichnungen ist ihr, dass die Ergebnisse aus der "Familie in Tieren" nicht im luftleeren Raum stehen dürfen: Die Deutung muss anhand wesentlicher Daten aus der Lebensgeschichte erfolgen - durch die Anamnese erhält der Test schließlich die zutreffende Interpretation.

Nicht nur die Zuordnung der Charaktereigenschaften zu den Tieren und die Konstellation der Familie auf der Malfläche spielen eine Rolle bei der Analyse der Zeichnungen. Ausführlich geht die Professorin auf die formale, insbesondere die graphologische Analyse der Kinderzeichnungen ein.

Kernbestand ihres 150-Seiten-Werks sind 29 Fallbeispiele, in denen die Analyse von beigegebenen Kinderzeichnungen Schritt für Schritt nachvollzogen, insbesondere die Übertragung auf die jeweils aktuelle Familiensituation durchleuchtet wird.

Eines muss klar sein: Die "Familie in Tieren" ist ein fundierter, sehr aussagekräftiger Test, der sich durchaus auch dem Laien erschließen kann. Ein guter Spaß für Familienfeiern oder ein geeignetes Mittel zur Eigentherapie ist er aber in keinem Falle.

Der vorliegende Band ist die Einladung dazu, sich unvoreingenommen und neugierig einem der bemerkenswertesten Hilfsmittel der psychologischen Diagnostik für Kinder und Jugendliche zuzuwenden.