2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Das Flüstern der Engel
11/1999
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.
198 Seiten / DM 36.--
Wir wachen auf und erleben die Welt aus der Sicht der vierjährigen Ljolka. Es ist eine kleine Welt, eingeengt durch Konventionen und Alkohol, Streitereien und Egoismus, Kriminalität und Angst.
Aber es ist ihre Welt, in der sie sich zurechtfindet und wohlfühlt - bis ganz langsam alles um sie herum auseinanderbricht.

Die vorwitzige Kleine wohnt bei ihrer Großtante Gruscha und ihrem Großonkel Kirscha, weil ihre Mutter weder Zeit noch Lust hat, sich um die Tochter zu kümmern. Ljolka genießt die Geborgenheit und Zuwendung, die sie von der alten Frau bekommt, sie weiß genau, wer die Hauptrolle im Leben der warmherzigen Großtante spielt.
Immer wieder hört sie den Geschichten des Großonkels zu, der mit Bestimmtheit behauptet, er sei ein echter Graf, und betrachtet die Bilder seines alten Fotoalbums.
Aber warum lachen ihn alle deswegen aus?

Fasziniert beobachtet sie die Vorgänge um sich herum, denn immer mehr scheinen alte Wunden aufzubrechen, längst vergessen geglaubte Geschichten ans Licht zu kommen.
Sie versteht nicht ganz genau, weshalb die Erwachsenen sich so seltsam verhalten, es ist ja auch alles in Ordnung, solange sie geliebt wird.
Doch als etwas Schreckliches geschieht, holt ihre Mutter sie wieder zu sich - und jetzt erhält sie zwar Englischunterricht und ein großes Kinderzimmer, aber ihr fehlt die Wärme und Herzlichkeit Gruschas.

Sie macht sich auf den Weg, die Dinge wieder geradezurücken, doch es ist bereits zu spät.
Alleine und orientierungslos bleibt sie zurück und versucht, mit der Welt um sich herum fertigwerden.
Ein weiterer Zwischenfall passiert, und es sieht so aus, als bliebe nichts als das Erstaunen über so viel Ungerechtigkeit.

Erst ganz am Schluss wird deutlich, dass wahre Liebe keine Grenzen kennt, kein Ende und kein "zu spät". Dass trotz aller Grausamkeit und Kälte noch Platz bleibt für beständige Zuneigung und Fürsorge. Dass manche Bindungen selbst vom Tod nicht zerstört werden.

Die Autorin arbeitet mit einem überschaubaren Personenkreis.
Durch Ljolkas aufmerksame Augen erhalten wir ein genaues und meist unkommentiertes Bild der verschiedenen Charaktere. Allein durch ihre Art der Beschreibung können wir auf die Motive, Hintergründe und Vergangenheit der einzelnen Individuen schließen.
Vieles bleibt unklar, es gibt viel Raum für eigene Interpretation und Fantasie.
Nie wird direkt ausgesprochen, was für Gefühle das Mädchen hegt, alleine durch ihre differenzierte Wahrnehmung kann man erahnen, wieviel sie letztendlich doch versteht, wie stark sie sich mit Selbstvorwürfen belastet und wie groß ihr Anlehnungsbedürfnis ist. Der Tod spielt eine große Rolle in ihrem Leben, aber sie beschreibt ihn als eine Selbstverständlichkeit, widmet ihm nicht mehr Raum als nötig. Lieber versucht sie, sich an das zu halten, was ihr bleibt.

Zunächst verwirren die unterschiedlichen russischen Namen ein wenig, man gewöhnt sich aber schnell daran, dass beispielsweise Agrippina und Gruscha für dieselbe Person stehen - außerdem gibt es am Ende des Buches ein Namensverzeichnis. Das nutzt einem allerdings nicht mehr viel, wenn man sich schon bis zu dieser Seite des Buches durchgekämpft haben muss, bis man es entdeckt.

Ein Roman, der erstaunlicherweise keinen bitteren Nachgeschmack der Verzweiflung hinterlässt. Selbst "Die letzten Tage im dunklen November" werden aufgehellt durch Ljolkas lebensfrohe Sicht der Dinge, durch ihre standhafte Weigerung aufzugeben, durch Tante Gruschas alte Stiefel.


Ein Buch für alle die, die trotz Enttäuschung und Abschied noch ein Ohr haben für das leise Flüstern der Engel.